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Buch: Verschwundene Arbeit

(Rudi Palla)
Buch: Verschwundene Arbeit
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(Rudi Palla)
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Allgemeine Informationen

Von Abtrittanbietern, Schriftsetzern und Geomatikern

Je mehr Dörfer und Städte anwuchsen und je dichter sie besiedelt waren, desto engmaschiger wurde die Arbeitsteilung und desto vielfältiger wurden die Berufe. Als das Wasserklosett noch nicht einmal ein Gedanke war, streifte der Abtrittanbieter durch die Straßen und bot unter seinem weiten Mantel dem Passanten die Gelegenheit, auf der Straße eine dringende Notdurft zu verrichten. Berufe orientieren sich an den Bedürfnissen einer Gemeinschaft, nicht eines einzelnen, und verändern sich naturgemäß mit dem gesellschaftlichen und dem technischen Fortschritt. Der Schriftsetzer hatte seit dem 16. Jahrhundert Anteil daran, das Bedürfnis nach dem gedruckten Wort zu stillen, mit dem Aufkommen der Computertechnologie starb sein Beruf aus. Heute braucht es auch keinen Kartographen mehr, um sich in der Welt zu orientieren: Dieser Beruf wird seit 2010 nicht mehr unterrichtet. Infolge der veränderten Arbeitsanforderungen und -mittel werden Lehrlinge statt dessen zum Geomatiker ausgebildet. Eines aber blieb: das Bedürfnis nach der Güte von Arbeit und Produkt, ob Federbusch und Band unter den Fingern der Hutmacherin, die Zündkerze unter den Händen des Mechatronikers oder die Straßenkarte des GSI-Programmierers.

Für den Fortschritt bewahren.

Wohlgemerkt: das Bedürfnis. Was dabei tatsächlich entsteht, ist oft ein ganz anderes "Ding". Nun gehören Veränderungen ja zum Fortschritt dazu und sind willkommen, wo sie die Arbeit erleichtern – ohne die Güte des Produkts zu mindern. Eine ganz andere Problematik offenbart sich aber mit den Gewohnheiten, die mit dem technischen Fortschritt einhergehen können. Wo ungelernte Arbeitskräfte an den Produktionsmaschinen stehen, dort geht dem Menschen der Bezug zum Produkt vollends verloren – und darüber hinaus kann er zwar die Maschine bedienen und warten, doch in seiner Entfremdung fehlt ihm das Wissen, die Güte des Produkts zu prüfen, zu beurteilen und gegebenenfalls Fehler zu korrigieren. Massenproduktion erlaubt den Blick auf den Wert des einzelnen nicht, weder des Produzierenden noch des Produkts. Wertvolles Wissen, die über Jahre und Jahrzehnte gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen in der Herstellung eines Dings gehen verloren, wenn ein Handwerksberuf ausstirbt, weil er sich gegen die Billigware automatisierter Massenproduktion nicht behaupten kann. Wer solches Handwerk bewahren möchte, dem geht es nicht um Nostalgie. Dem geht es um die Sicherung äußerst nutzbringenden Wissens – und um den Fortgang der Geschichte.

Vergessene Berufe.

Werkzeug, um die Äcker zu pflügen und die Ernte einzufahren; Töpferwaren als Vorratsgefäße und Geschirr; Backsteine, um Wände hochzuziehen; Schindeln, um ein Dach einzudecken – das seßhafte Leben stellt spezifische Anforderungen an die Arbeit des Menschen. Ein solches Leben ist auf Dauerhaftigkeit ausgerichtet, und die Dinge, die zu und in diesem Leben erforderlich sind, müssen ihm durch ihre Güte standhalten, sie müssen haltbar und mithin lange nutzbar sein.
Um solche Dinge herzustellen, braucht es Spezialisten. Sie kristallisierten sich im Laufe der Geschichte allmählich heraus, und sie verrichten nicht mehr eine jederzeit austauschbare Arbeit, sondern üben einen Beruf aus. Nicht nur Erfahrung verriet dem Schmied, welche Temperatur die Esse erreichen mußte und wie der Schlag des Hammers zu plazieren war, um Schwert oder Pflugschar zu schmieden. Seine Arbeit gründete auch auf einem Wissen, das von Generation zu Generation erweitert und systematisch weitergegeben wurde. So spiegelt ein Beruf stets auch einen Ausschnitt der sozialen Strukturen und Bedingungen einer Gemeinschaft wider. Er entwickelt sich dort, wo ein Gegenstand erfordert ist, um das gemeinschaftliche Leben in Gang halten zu können, und wo der eigene Lebensunterhalt durch Ausübung einer Tätigkeit gesichert werden muß, sei es im Handwerk, Kunsthandwerk oder auch in der Kunst.

Produktinformation

Artikelnummer 68573

Das Buch der untergegangenen Berufe. 272 Seiten mit vielen Abbildungen.
17 x 24 cm, Festeinband. 2., vollständig neugestaltete und erweiterte Auflage, Brandstätter Verlag 2014.

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