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Klostergarten der Benediktinerabtei Beuron

Im winterlichen Klostergarten der Benediktinerabtei Beuron
schaut sich Br. Felix die Triebe der Kirschbäume an.

Gedanken über unseren Garten.

Es ist Winter, der 11. Februar. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, dann liegt alles vor mir im strahlenden Sonnenschein, doch ein Blick auf das Thermometer zeigt mir: -13 °C. Dazu weht ein scharfer Ostwind. Seit einiger Zeit liegt Schnee, Pulverschnee, der Gras und Kulturpflanzen zudeckt und vor Frost und Sonne schützt.

Für mich hat jedes Wetter seine eigene Schönheit und seinen Reiz. Es darf nur nicht allzu lange dauern. Dieser Winter war bis jetzt lange mild – viel zu mild. Ich war mir aber sicher, daß er sein wahres Gesicht noch zeigen würde. Gerade der Januar war viel zu warm, mit Durchschnittstemperaturen über Null! Das Gras war sogar noch grün – im Januar! Normalerweise ist das Gras zu Jahresbeginn bei uns durch Kahlfröste erfroren und sieht graubraun und tot aus.

Und tatsächlich, Anfang Februar, zu einer Zeit, da man schon ganz vorsichtig an das Ende des Winters denken möchte, ist er nun doch noch gekommen – und wie! Tageshöchsttemperaturen von -10 °C trotz Sonnenschein, nachts bis zu -23 °C. Die Sehnsucht nach dem Frühjahr – im Frost erstarrt. Also – warten. Irgendwann – und das kann bei uns im Extremfall bis April dauern – irgendwann muß sich der Winter den immer stärker sich durchsetzenden Sonnenstrahlen beugen. Und dann beginnt die Natur explosionsartig zu erwachen. Was für ein Schauspiel. Ich bin mir auch bewußt, daß dieses Aufbrechen der Natur mich um so mehr fasziniert, je länger und strenger der Winter war.

Es ist also die Abwechslung, die ständige Veränderung, das stetige Neuwerden, das Vorwärtsgehen. Nicht planlos, sondern wohlgeordnet mit dem Ziel, das Leben weiterzugeben. Ich bin gerne im Freien an der frischen Luft und beobachte, was sich in unserem Garten tut. Es kommt mir gar nicht so sehr darauf an, wie ein Garten gestaltet ist. Ich mag es zwar eher naturnah mit viel Grün und natürlich auch mit Blumen, aber das ist gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, daß es Pflanzen gibt und Erde und daß es entsprechend riecht.

Ich mag Sträucher und Bäume sehr gerne, sie sind wie gute treue Freunde, die jahrelang am selben Ort stehen und einen zu grüßen scheinen, wenn man ihnen begegnet. Sie sind eigentlich immer in Bewegung (und sei es nur das qualitative Wachstum) und sind doch nie in Hektik. Sie strahlen Ruhe und Beständigkeit aus und sind doch immer unterwegs zum nächsten Stadium des Wachsens und Reifens. Die Pflanzen wachsen in der Regel nach oben, dem Licht oder dem Himmel zu. Gleichzeitig verankern sie sich immer mehr in der Erde. Das richtige Verhältnis zum Himmel und zur Erde ist eine Voraussetzung für Beständigkeit und Wachstum.

Unser Garten lehrt mich das Warten. Das, was kommen soll, kommt. Für die meisten unserer Gartenpflanzen ist der Winter notwendig, um im Frühjahr wieder weiterzuwachsen und zu blühen und Frucht zu bringen. Die Natur legt eine Pause ein und schöpft neue Kraft. Unser Garten ist etwas Lebendiges. Ich kann den alljährlichen Rhythmus von Ruhen, Aufbrechen, Wachsen, Gedeihen, Reifen, Fruchtbringen und den scheinbaren Tod betrachten. Bei fast allen mehrjährigen Pflanzen werden in irgendeiner Form schon im Spätsommer die Grundlagen gelegt, daß nach dem Winter das Leben weitergehen kann.

Zum Beispiel sind in den kleinen Knospen der Bäume und Sträucher schon im Herbst die Blätter und Blüten des neuen Jahres angelegt. Wunder über Wunder. Unser Garten ist von einer Mauer umgeben, von einer Klausurmauer, die das klösterliche Leben nach außen hin abschließt und schützt. Die Mauer ist nicht dazu da, die „böse Welt“ von uns fernzuhalten, sondern sie weist uns symbolisch darauf hin, diesem Ort, an dem wir beten und arbeiten, treu zu bleiben.

Sie ist nicht besonders künstlerisch gestaltet, eigentlich nur grob aus Beton errichtet. Und doch schenkt sie Geborgenheit, schützt das Spalierobst vor zuviel Wind und speichert den Bäumen die Sonnenwärme auf, gibt dem Wuchs Richtung und Stütze. So lehrt mich der Garten im Wechsel der Jahreszeiten, daß ich in meinem Leben gelassener sein kann. Zum Leben gehören die Höhe und die Tiefe, Aktivität und Ruhe, Tag und Nacht, Licht und Dunkel, das Leid und die Freude, Absterben und Neuwerden. Alles, was mir begegnet, kann mich reifen lassen.

Br. Felix OSB, Gärtnermeister der Benediktinerabtei Beuron.

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