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Keramik aus Lunéville

Nichtalltägliches für den Alltag.
In Lunéville wird seit 1730 Fayence hergestellt. Von Beginn an machte der Ort sich einen Namen, und jeder, der es sich leisten konnte, schmückte sich mit der edlen, weiß deckend glasierten und bunt bemalten Keramik. Später erfolgte der Zusammenschluß mit benachbarten, jüngeren Manufakturen wie Saint- Clément und Niderville „Faïences et Cristal Fins – Manufactures royales“, das Sortiment wurde um erschwingliches Alltagsgeschirr und um Glas erweitert. 

Milchkaffeeschale KeramikMilchkaffeeschale Keramik
Milchkaffeeschale KeramikMilchkaffeeschale Keramik
Milchkaffeeschale KeramikMilchkaffeeschale Keramik

Die Herzöge und Könige kamen und gingen – und blieben schließlich ganz fort. Das Schloß von Lunéville, auch „Le petit Versailles de Lorraine“ genannt, erlitt 2003 bei einem Brand großen Schaden, von dem es sich bis heute zu erholen versucht. Auch an den langgestreckten Werkshallen des lothringischen Meisters der „arts du feu“ in Saint-Clément hat die Zeit sichtbare Spuren hinterlassen. Trotz vieler Widrigkeiten blicken die Mitarbeiter der Produktionsstätte Faïencerie de Lunéville-Saint Clément et Niderville, welche sich, gute zwei Zugstunden entfernt von Paris, 30 Kilometer von Nancy befindet, voller Hoffnung in die Zukunft. Als Zeichen ihrer beispielhaften Kunstfertigkeit verschmelzen sie jeden Tag aufs neue Tradition und Moderne miteinander wie zwei Glasurschichten.

Ein Ort. Von Gegensätzen geprägt.
Zweimal im Jahr präsentiert sich die Fayencerie auf den großen Fachmessen. Hier werden vorwiegend die üppigen Klassiker inszeniert, mit denen Lunéville in der Welt wahrgenommen wird. Service mit Jagdszenen und floralen Mustern, Tischskulpturen und Tierfiguren. Ganze Geschichten, die mit reich verziertem Dekor auf Servierplatten und Schmucktellern erzählt werden, Übertöpfe in Art Déco und neoklassizistischer Formsprache.

Neben Besuchern und Händlern kommen auch freie Keramikmaler an den Stand. Sie präsentieren ihre Mappen in der Hoffnung, daß das international renommierte Traditionshaus sich für einen ihrer Entwürfe interessiert. Dieser großen Aufmerksamkeit steht ein seit Jahren rückläufiger Absatzmarkt gegenüber. Speziell in Mitteleuropa ist seit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu Anfang des neuen Jahrtausends ein starker Einbruch zu verzeichnen.

Von knapp 100 Mitarbeitern habe man sich seither trennen müssen, berichtet die freie Vermittlerin der Manufacture, Anneliese Haeckler. Natürlich hofft sie, der Markt werde sich schon bald erholen und dem Ende dieser Phase könne ein neuer Aufschwung folgen. Für 2014 ist die Teilnahme an Messen in Rußland und Japan geplant, hier genieße sorgfältig und qualitätsvoll gefertigte Keramik noch eine andere Wertigkeit, vermutet Anneliese.

Von Generationen getragen.
Die meisten der 19 noch aktiven Mitarbeiter haben ihr Handwerk von den Eltern gelernt, und diese von ihren Eltern. Wenn Region, Mensch und Handwerk so eng miteinander verwoben sind, bedarf es einer guten Portion Pragmatismus, sich nicht von dem Staub in den weitläufigen Hallen schlucken zu lassen. Auch dieses Kunststück gelingt. Die Brennöfen laufen, und mit 4.000 ist die Anzahl der Modelle und Formen nahezu unverändert hoch. Durch gut zehn Hände geht jedes Stück vom Guß über die einzelnen Brenn- und Glasurvorgänge. Neben der kunsthandwerklichen Ausgestaltung der einzelnen Stücke läßt die Präzision des Herstellungsprozesses auch erkennen, wie routiniert die Arbeitsabläufe an große Bestellmengen angepaßt sind.

Von Gestaltung geleitet. Milchkaffeeschale Keramik.

Besonders angetan haben es uns bei unserem Besuch wieder die Schlichtheit und Haptik der traditionellen Bols. Allein diese Schalen zu halten ist eine genußvolle Handlung. Der Moment konzentrierter Fertigung und Ruhe scheint ihnen, gleichsam einer dritten Glasur, eingebrannt. Die von uns ausgewählten Muster, in diesem Falle das Schachbrettmuster „Damier“ und das Muster „Brocante“, finden sich normalerweise auf Bols ohne Standfüßchen.

Milchkaffeeschale.


Diese Form des Bol mit ausgearbeitetem Standfuß war in Frankreich für das 19. Jahrhundert typisch. Die Auswahl von Farben und Mustern gibt regionale Besonderheiten aus Lothringen wieder, wie man sie heute nicht mehr sehr häufig findet. Volumen 500 ml. Höhe 9 cm, Ø 15,5 cm. Gewicht 450 g.

19,80 

Schlußpunkt? Vom Rätsel der Farben.
Die klassischen Fayence-Farben Rot, Blau und Grün sind seit jeher fester Bestandteil traditioneller Alltagskeramik, schon aufgrund ihrer guten Eignung für die hohen Temperaturen beim Brennen. Daß mit ihrer Verwendung symbolische Aufladungen und Zuschreibungen einhergingen, haben wir im Gespräch mit Mitarbeitern der Produktionsstätte interessiert zur Kenntnis genommen und uns auf die Suche nach ihrer Bedeutung gemacht. Zeigte man mit der Verwendung rot glasierter Keramik seine katholische Gesinnung und drückte mit der Entscheidung für blaues Geschirr seinen protestantischen Glauben aus? Oder sind in der Entscheidung für bestimmte Farben Anspielungen enthalten, die Rückschlüsse auf die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Ständen und Zünften zulassen? Spielten zu Revolutionszeiten wiederum bekannte farbsymbolische Zuschreibungen wie Aufbruch, Kampf und Dramatik (rot) – im Gegensatz zur Treue, Freundschaft und Beständigkeit (blau) eine Rolle?

Und wie verhielt es sich in einem stark landwirtschaftlich geprägten Frankreich, in dem die industrielle Revolution vergleichsweise spät Einzug hielt, mit der Farbe Grün, mit der gemeinhin Hoffnung assoziiert wird? Auch Gespräche mit Keramik-Experten brachten bisher keine eindeutigen Antworten. Wäre es möglich, daß sich all diese Mythen und Spekulationen fortpusten lassen wie Milchschaum und die Käufer mit ihrer Entscheidung für bestimmte Farben doch rein ästhetische Präferenzen ausdrückten? Ideen und Hinweise, die zur Lösung dieses Rätsels beitragen können, nehmen wir dankbar entgegen. Bis es soweit ist, lassen wir uns gern von der gradlinigen Unaufgeregtheit des Herstellers anstecken.

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