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Hausschuhe – und die heldenhafte Seite ihrer Träger

Er hatte bislang schlechte Presse, der Pantoffelheld. Und das schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals war er verschrien als stiller Duckmäuser in „pantoufle“ (französisch für Hausschuh) und Schlafrock: Er steht unter der Kuratel seiner Hausfrau, ist unpolitisch bis zur Naivität und lebt betulich zurückgezogen im heimischen Idyll. Das Symbol des vermeintlich so behäbigen Biedermeier eben.


Doch einen wahren Helden ficht derlei nicht an. Er schlurft in seinen Hausschuhen durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Die Zeiten ändern sich – und sie haben ihn, den Träger der Hausschuhe, der stets sein Anrecht auf Familien- und Privatleben verteidigte, in den letzten Jahrzehnten durchaus ins Recht gesetzt.

 

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Es wirkt vorsintflutlich, wer heute noch den donnernden Hausvater geben wollte, den gestrengen Pater familias mit ehrfürchtig aufblickender Ehefrau. Doch mit diesem Rollenwechsel allein ist das wahre Heldentum des modernen Hausschuh-Trägers längst noch nicht erfaßt.


Den modernen Pantoffelhelden erkennt man an seinem rationalen Umgang mit den Anforderungen der Arbeitswelt. Und die Pantoffel, den Hausschuh, darf man heutzutage auch zum Symbol für die Fähigkeit zum Feierabend umdeuten.


Nach der Arbeit sollst du ruhen. In Hausschuhen.

Gerade in der Arbeitswelt hat sich am meisten getan. Im Zeitalter von Laptop, Internet, Mobiltelefon und weiteren „smarten“ Techniken verschwimmen Arbeitszeit und Freizeit zu einem untrennbaren Amalgam. Der Bericht, der nicht fertig wurde, wird am heimischen Rechner weiterformuliert. Arbeitsaufträge werden zur Not noch am Wochenende per E-Mail angenommen. Arbeitsfähig und vor allem: erreichbar ist man ohnehin rund um die Uhr.


Der Pantoffelheld aber weiß sich – heldenhaft wie er eben ist – dagegen zu stemmen. Er zieht die Hausschuhe über, und für ihn ist nun klar: später gern, aber jetzt nicht.


Der Hausschuh ist das philosophische Schuhwerk des ganz bei sich selbst Seienden, das Symbol eines Privatlebens, in das sich weder Chef noch Kollegen einzumischen haben. Und diese ans Heldenhafte grenzende Lebenshaltung ist kein Zufall.


Die Verteidigung der Privatsphäre. In Hausschuhen.

Der Hausschuh wurde aus Persien übernommen. Die persische Kultur unterschied streng zwischen äußeren und inneren (und dazu noch innersten) Gemächern. Die „Barbusche“ (aus persisch pā, deutsch „Fuß“, und pūschīdan, deutsch „anziehen“) wurde zur französischen „babouche“ und zur deutschen „Pusche“. Und der Umweg über das französische „pantoufle“ machte sie zum deutschen „Pantoffel“.

 

Aber es gibt den Hausschuh auch in Ostasien, etwa in Japan, wo das Private von jeher einen hohen Stellenwert hat. Wer mit schweren Straßenschuhen in eine japanische Wohnung stapft, begeht ein Sakrileg. Hier gilt definitiv: außerhalb und innerhalb ist anders. Hier gibt es sogar besondere Hausschuhe, die allein dafür bereitstehen, daß man auf die Toilette geht – auch eine Form eines „innersten“ Gemachs.


Man mag erstaunt sein. Denn das Klischee glaubt ja den stets dienstfertigen, nimmermüde arbeitenden Japaner zu kennen, der zehn oder mehr Stunden im Büro verbringt. Das stimmt durchaus – aber ähnlich konsequent schließt der Japaner auch die Haustüre hinter sich, schlüpft in die Hausschuhe und ist fortan nur noch eines: Privatmensch.


Hausschuhe: An ihrem Schuhwerk sollt ihr sie erkennen.

Und so stellen sich ja vielleicht auch die angeblich unscheinbaren Hausschuhe in die lange Reihe revolutionärer Kleidungsstücke. Die bäuerlichen Bundschuhe, die Sansculottes der französischen Revolution – und nun eben Hausschuhe als modernes Symbol im Kampf gegen eine die Arbeit ständig verdichtende, zeitlich nicht mehr eingrenzbare Berufswelt.


Man sollte dem Pantoffelhelden und seinen Hausschuhen ohnehin Denkmäler setzen. Denn wäre die Weltgeschichte etwas weniger in Stiefeln und etwas mehr in Pantoffeln durchschritten worden, es hätte ihr wahrlich gutgetan.

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