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Vom Wald

Eine kurze Betrachtung. Mitteleuropa ist Waldland.
Ein Satz, den kaum glauben mag, wer eine Momentaufnahme unserer dichtbesiedelten und intensiv genutzten Landschaft macht. Beobachtet man jedoch, wie aufgegebene Siedlungen allmählich vom Wald zurückerobert werden, so kommt man der Sache schon näher – und stellt gleichzeitig fest, daß hier weit größere Zeiträume der Maßstab sind als selbst ein Menschenalter. 

Nationalpark Jasmund auf Rügen

Nationalpark Jasmund auf Rügen

Um dies zu verstehen, lohnt ein Blick auf die nacheiszeitliche Waldgeschichte – während der letzten Eiszeit war Mitteleuropa weitgehend waldlos. Sie beginnt vor etwa 16.000 Jahren und ist seither von der Vorherrschaft bestimmter Baumarten geprägt, zunächst Birken und Kiefern, später Eichen. Etwa ab dem Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit, als der seßhafter werdende Mensch bereits begann, zunehmend Flächen für Siedlungen und zum Ackerbau zu roden, verbreitete sich schließlich die Buche und stieg vor rund 2.500 Jahren zur vorherrschenden Baumart in Mitteleuropa auf. Das wäre sie auch heute noch, wären die Wälder der Gegenwart nicht vor allem vom Menschen angelegte Wirtschaftsforste, in denen die Buche nicht die Hauptrolle spielt. Unlängst hat nun die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, in Deutschland fünf alte, besonders naturnahe Buchenwälder mit einer Gesamtfläche von rund 4.400 Hektar zum Weltnaturerbe erklärt:

den Nationalpark Jasmund auf Rügen, den Kellerwald-Edersee in Nordhessen, die Buchenwälder von Serrahn im Nationalpark Müritz, den Nationalpark Hainich im Westen Thüringens und den Buchenwald Grumsin im brandenburgischen Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. 

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Das Waldbild. Von bedrohlicher Finsternis zum Erholungsraum.
Diese Wälder sind nicht nur bedeutsamer Lebensraum vieler Tiere, sie sind in gewisser Weise auch ein Weltkulturerbe. Nicht umsonst wird den Deutschen seit jeher ein besonderes Verhältnis zum Wald nachgesagt. Dabei herrschte im Mittelalter noch das Bild vom finsteren Wald vor, in dem Geister, Hexen und wilde Tiere ihr Unwesen trieben – ein Bild, das sich in den Volksmärchen erhalten hat.
Von den Dichtern und Schriftstellern der Romantik wurde der Wald dagegen als Metapher einer heilen Welt gebraucht und als Sehnsuchtslandschaft überhöht.

Herbstwanderung: Fotografie von Lars Newald

Ein bis in unsere Gegenwart reichendes, schichten- und generationenübergreifendes romantisches Waldbewußtsein bestätigt sich nicht nur in aktuellen Umfragen, es wird auch in künstlerischem Schaffen sichtbar, etwa in den Arbeiten des Fotografen Lars Newald. Mehr als 40 seiner Fotografien sind bis zum 16. November im Rahmen der Kunstreihe agri cultura in der LSV-Dienststelle Speyer
(Theodor-Heuss-Straße 1, 67346 Speyer,
Mo–Fr von 9–15 Uhr) zu sehen.

Bei einer derart ausgeprägten Verbundenheit wundert es nicht, daß der Wald schon ab 1900 vermehrt zum Ziel erholungssuchender Städter wurde und die 1947 gegründete Schutzgemeinschaft Deutscher Wald die älteste deutsche Bürgerinitiative ist.

Näher betrachtet. Der Wald als Erlebnis.
Die konkreten Motive des Waldbesuchs sind gut untersucht und lassen sich in physische und psychische Faktoren unterscheiden. Physisch sind all jene Aspekte, die sich unmittelbar auf das Wohlbefinden auswirken. Dazu zählen die infolge von Aerosolausfilterungen saubere Waldluft, das schonende Lichtklima – unangenehme Lichtreize

Fotografie: Lars Newald

werden abgeschirmt, das Grün des Waldes wird als wohltuend empfunden – und das angenehme Waldinnenklima mit gegenüber dem Offenland geringeren Temperaturschwankungen und Windgeschwindigkeiten. Unter den psychischen Faktoren gilt der Naturgenuß als wichtigstes Leitmotiv:

Im Wald kommt man zur Ruhe, kann zu sich selbst finden und – da man sich unbeobachtet und unreglementiert fühlt – das Gefühl persönlicher Freiheit genießen. Ein Pionier auf dem Gebiet der Erholung im Wald war der Gutsherr und Förster Heinrich von Salisch, der in seinem zwischen 1885 und 1911 in drei Auflagen erschienenen, 2009 wiederaufgelegten Buch Forstästhetik zwar ausdrücklich die Forstwirtschaft bejaht, gleichzeitig aber auch die Ursprünglichkeit der Wildnis einbezieht, wenn es darum geht, dem Wald seine sinnlich erlebbare Vielfalt und Eigenart zu lassen.

Rund einhundert Jahre nach ihm beschäftigte sich der Diplom-Forstwirt Wilhelm Stölb erneut mit dem ideellen Wert des Waldes. In seinem Buch Waldästhetik stellt er den ökonomischen Anforderungen der Forstwirtschaft und den ökologischen Ansprüchen der Naturschutzverbände das einfache Bedürfnis des Menschen nach Naturerleben und -schönheit entgegen – und propagiert Wälder, die weder reine Holzfabriken noch verschlossene Biotope sind, sondern, wie Bertold Brecht sagt: „Eine grüne Menschenfreude.“

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