Was ruft das Thema „Ordnung“ doch für Floskeln und Gemeinplätze auf den Plan! Sind die einen überzeugt, Ordnung sei das halbe Leben, kontern die anderen mit der Frage, wer denn hier nur halb leben wolle. Mag jemand dem Glauben anhängen, daß ordentliche Zeitgenossen nur zu
faul zum Suchen seien, so sehen die derart Beschuldigten (Nemo tenetur se ipsum accusare!) im Chaos die wahre Ordnung, während wiederum der praktizierende Chaot zumindest in seinem Kopfe Ordnung zu haben behauptet.
Der belesene Akademiker denkt vielleicht an die angestrebte Stelle als ordentlicher Professor (ein außerordentlicher ist übrigens kein außerordentlich ordentlicher Wissenschaftler, sondern zumeist eine externe Kraft, die nicht auf Lebenszeit berufen wird und nicht dem universitären Kollegium angehört) oder an die nachhaltig einflußreiche Antrittsvorlesung „Die Ordnung des Diskurses“ des französischen Denkers Michel Foucault am Collège de France, der in diesem seinem Vortrag die Mechanismen analysiert, die das gesellschaftliche Sprechen kontrollieren, reglementieren und sanktionieren (beispielsweise Doktrinen oder Ideologien – Foucault schrieb übrigens auch das wissenschaftshistorische Buch „Die Ordnung der Dinge“), während manch einer in dem Versuch, irgend etwas wenigstens Semisinnvolles über Ordnung zu äußern, möglicherweise den angeblichen und sogenannten und natürlich ganz gefährlichen deutschen Ordnungssinn vermutet. Wer ordnet, hat scheinbar schwer zu tragen.
Gefühlte Millionen von Tips und Tricks zur Ordnung in allen Bereichen des Lebens bietet uns das Internet – ist es zu plakativ, an dieser Stelle auf das gefaltete Ende des Klopapiers zu verweisen? –, und wir könnten unser Leben am Bildschirm verbringen, lesend, wie wir unser Leben ordnen könnten (selbst das wäre in einem gewissen Sinne kein ungeordnetes Leben). Der zweifach mit akademischen Weihen dekorierte Schriftsteller Dr. med. Dr. phil. Rainald Maria Goetz (Sie wissen schon: Promotionsordnung) soll in seinem diesjährigen Seminar anläßlich seiner Poetikdozentur an der Freien Universität zu Berlin den hier jetzt als Bonmot aufgefaßten Ausspruch „Ordnung ist bei mir Notwehr“ geäußert haben.
Ordnung als Strategie, der Reizüberflutung durch unsere Welt entgegenzutreten, ist kein unsympathisches Ordnungsverständnis, wie wir finden. Ordnet bei Goetz die Literatur das Chaos der Welt, so schreibt der zu Lebzeiten als ordentlicher Professor amtierende Theodor W. Adorno in seinen „Minima Moralia“ gänzlich Gegenteiliges: „Aufgabe von Kunst ist es heute, Chaos in die Ordnung zu bringen.“ Doch nicht nur Literatur und Philosophie, auch der „comic strip“ kann Vorschläge zur Orientierung in Ordnungsfragen geben. Der Comiczeichner André Franquin, ein Landsmann Foucaults, hat die berühmte Comicfigur Gaston Lagaffe – in der Comicwelt einfach nur Gaston genannt – geschaffen, und wenn wir glauben, hinsichtlich unserer Sortimente auch in Sachen Ordnung mitreden zu können, so läßt uns doch Lagaffe immer wieder über seinen Einfallsreichtum staunen.
Der tapsige Gaston, ein Büroangestellter im präelektropostalischen Zeitalter, erledigt seine Korrespondenz noch in papierener Form – und wie behält er also Überblick? Er heftet seine Post kurzerhand an einen Kaktus. Und glaubt, damit ein gültiges Ordnungs- und Perforierungssystem für seine Papiere gefunden zu haben. Sein Vorgesetzter sieht das natürlich ganz anders, wie er auch große Augen macht, als Gaston seinen Kaktus als Weihnachtsbaum der Firma zu verwenden gedenkt. Nun soll jedoch die Pointe dieses Textes nicht sein, Ihnen Ihre Zimmerbepflanzung zur Ordnung Ihrer Dinge vorzuschlagen, wie wir auch keine Pflanzen zu diesem Zweck verkaufen werden. Bemerkenswert finden wir den Themenkomplex Ordnung allemal, und das auch ohne (der Ordnung halber?) von der neuen Ordnung gesprochen zu haben, die man sich für ein neues Jahr so manches Mal vornimmt.
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