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Die Schwelle

Es gibt Orte, die kommen mir abgelegen, schwer, ja kaum erreichbar vor. Eigentümlich, daß es gerade diejenigen sind, mit denen ich mich schon längere Zeit beschäftige. Aber durch irgendwelche Umstände, durch scheinbare Hindernisse, wird der Reisetermin ein ums andere Mal verschoben. Arabien oder Amerika oder Australien, das sind keine Entfernungen. Dort war ich noch nie, und diese Weltgegenden stehen momentan auch nicht auf meiner Liste, dorthin zieht es mich jetzt nicht. Die Entfernung beginne ich erst
dann zu spüren, wenn ich schon Verbindung zu einem Ort aufgenommen habe. Da macht sich dann zeitliche Ausdehnung der gedanklichen Linie in der Wahrnehmung des Raums bemerkbar. Auch wenn mich öfters das Gefühl beschleicht, als sei das Verzögern, Absagen und Verschieben doch in Wirklichkeit gar kein so hochphilosophisches Phänomen, sondern einfach mangelnde Lust an der Beschäftigung mit Entfernungen, Verkehrsmitteln und Umsteigezeiten. Und selbst, wenn der Reisetag schon gekommen ist, kurz vor der Abfahrt, kann es immer noch Zähigkeiten geben beim Verstauen der Siebensachen in Koffer oder Reisetasche, meist zaudernd wegen schwankender Wetterberichte oder anderer weltwichtiger Überlegungen.

„Du bist doch Reiseprofi, dir dürfte das doch gar nichts ausmachen“, so versuchte mal ein Freund, dem ich mein Leid klagte, mir einen freundlichen Stoß in die Seite zu geben. Ja, da hat er wohl recht, und doch…
wer kann schon aus seiner Haut, auch wenn das Aus-der-Haut-Fahren manchmal naheläge! Nun gut, ich akzeptiere es. Das praktische Leben baut schon auch die Hindernisse, die Langsamkeit und die retardierenden Momente mit ein. Ankommen soll ich wohl erst dann, wenn’s paßt.

Die Schwelle

Die Schwelle nicht vor der Zeit zu überschreiten, dieser Gedanke bleibt mir immer so lange lästige Theorie, bis ich seine Wahrheit im Rückblick bestätigt sehe. Wie lange schon wollte ich an den Chiemsee und auf die Fraueninsel, aber auch diese Gegend hat sich mir jahrelang immer wieder entzogen. Ähnlich ging es mir mit dem Bodensee oder nach wie vor mit Halligen in der Nordsee, obwohl ich sogar eine davon schon betreten habe. Mir scheint, als spielten Wasser und Inseln bei diesem Phänomen die entscheidende Rolle. Auf der glitzernden Fläche ist man sich doch niemals so sicher: ist es jetzt eine Insel oder nur flimmernde Luft am Horizont! Die Fraueninsel im Chiemsee gehörte für mich jedenfalls auch lange Zeit dazu. Doch es kam der Tag, an dem ich mich diesem Mysterium nähern durfte.

Ein Freund, Einheimischer dazu, hatte mich endlich ermuntert, die Reise anzutreten. Noch auf dem Bootssteg denke ich darüber nach, wie lange wir wohl fahren würden. Während der Überfahrt erteilt mir mein Freund noch eine kleine vexillologische Lektion: nein, nicht blau-weiß sei die bayerische Flagge des Schiffes, sondern weiß-blau. Wie könnte ich das je wieder vergessen! Nach zehn Minuten haben wir schon Land unter den Füßen, kaum zu glauben!

Unser Ziel ist klar: die Abtei Frauenwörth, dieses alte Kloster, das schon seit 782 auf der Insel besteht. Damals war es sicherlich genauso unübersehbar wie heute. Obwohl: so winzig die Insel auch ist, sofort gibt sie das Kloster nicht preis. Auf einem kleinen Umweg gibt es doch noch einiges zu entdecken: Fischer und ihre Läden zum Beispiel, mit geräucherten Renken. Eine jahrhundertealte Linde! Die kann man beinahe übersehen, weil ihre Zweige so viel Schatten spenden. Das Kloster verbirgt sich hinter der Torhalle. Ganz eigene Proportionen hat sie, noch von den Karolingern gebaut.

Hochaufragend, flächig, darin das große Tor und einige Fenster und Bögen. Ihre Anordnung könnte ein Architekt bestimmt mit dem goldenen Schnitt oder anderen Prinzipien erklären. Mich fasziniert ihre alltägliche Harmonie, die geradezu klingende Gradlinigkeit. Ganz in Weiß taucht nun vor uns das Kloster auf. Ich denke unwillkürlich an den Kreml in Nowgorod. Dazu scheint mir auch der klotzige Glockenturm mit seiner Zwiebelhaube zu passen. Sein einziger Schmuck neben den Zifferblättern: rauten- und bogenförmige Blindnischen, ebenso weiß wie alles andere. Die Kirche birgt die Gebeine der seligen Irmengard, einer Urenkelin Karls des Großen. Über die Beschäftigung mit ihrem Weg durch verschiedene Grabstätten in der Kirche gelangen wir unvermittelt ins Freie. Da fällt mir die Schwelle aus grauem Stein auf: ich bin schon darüber hinweg, habe sie nicht mal berührt mit meinen Füßen. Wir sind ja auch vom Kreuzgang aus in die Kirche gelangt, wo uns eine Schwester die lange Galerie der Äbtissinnen gezeigt hat, von denen viele seltsamerweise eine Krone auf ihrem Schleier tragen.

Wir kommen also über die Schwelle erst zum Schluß, so, als schlügen wir ein Buch von hinten auf. Wie viele Menschen mögen sie wohl überschritten haben während so vieler hundert Jahre? Aber es scheint, daß sie es bewußter getan haben als wir, daß es ihnen wichtig war, gerade die Schwelle als festen Boden unter den Füßen zu haben, sie wirklich zu be-treten: sie ist ausgetreten, ja sie wirkt wie ausgespült von einem beständigen Strom. Was alles an Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen wird dabeigewesen sein? Ihr Bild kommt mir auch jetzt noch immer wieder in den Sinn. Der Ort ist mir nähergekommen. Und ohne ihn hätte ich wohl niemals das Gedicht „Winterabend“ von Georg Trakl entdeckt, mit dem ich jetzt in Gedanken die Kirche auf der Fraueninsel endlich auch vom Eingang aus betreten kann:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt. /
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft. /
Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Martin Erdmann

Trenner
Chiemseer Klosterlikoer

Insulares Geheimnis.

Mindestens seit 1396 wurden auf der Fraueninsel Kräuter ausgebrannt, also geistliche Getränke verfertigt. Diese waren wohl eher medizinischer Natur, während der Klosterlikör in seiner heutigen Zubereitung auf
das vorletzte Jahrhundert zurückgeht. Die Nonnen haben sich das Geheimnis bewahrt und mischen nach wie vor die Kräuter selbst, um sie dann in Säcken ans Festland zu bringen, wo er in einer Brennerei angesetzt und hergestellt wird.

Er ist süß mit einer leicht ätherischen Kräuternote, sehr wärmend an Gaumen und Magen. Seine gelbe Farbe erhält er von dem enthaltenen Safran. Alkoholgehalt 38,0 Vol.-%. 0,7-l-Flasche.

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