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Das Rohe und das Gegrillte

Das Rohe und das Gegrillte

Das Feuer steht in den Mythen nicht zu Unrecht am Beginn menschlicher Kultur. Als das erste Stück Fleisch über dem Feuer gegart wurde, markierte dies einen Schritt, der den Urmenschen im nachhinein fast zwangsläufig auf den Weg in alle bewohnbaren Winkel der Welt, ja bis in den Weltraum bringen sollte. Viele Anthropologen und Evolutionsbiologen sind der Auffassung, daß erst der Verzehr von Fleisch die enorme Hirnentwicklung der frühen Hominiden ermöglichte. Dabei spielt der Proteinreichtum des Fleisches ebenso eine Rolle wie die durch die gemeinsame Jagd notwendig gewordene Kooperation innerhalb einer Gruppe. Es war ein Wechselspiel von Möglichkeiten und Anforderungen, das im Laufe der Jahrtausende ein komplexes Sozialverhalten bis hin zur Sprachentwicklung ermöglichte.

Dann kam das Bier (über dessen Einfluß auf die Sprachentwicklung hier nur gemutmaßt werden kann – Feldbeobachtungen in den Fußballtempeln, in denen auch Grillwürste allgegenwärtig sind, versprechen interessante Daten). Es setzt den Schritt vom Jäger zum Ackerbauern und Züchter voraus und gilt als eines der Kennzeichen früher Hochkulturen. Die Kunst des Brauens war vom Anbau über die Verwaltung der Rohstoffe bis hin zum Getränk kompliziert und gehört zu den Dingen, die dem Menschen auch die Schrift, die Anfänge der Mathematik und die ersten Behörden eingebracht haben. Die Schriftzeugnisse der Sumerer bestanden im wesentlichen aus Güter- und Steuerlisten.

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Der Grillrost und die Haute Cuisine.

Die kulturellen Beiträge unserer Zeit – sie gehen über Kapselheber, Klappstuhl und Kühlbox ja kaum hinaus – nehmen sich da relativ bescheiden aus. Wie auch die Mühen, die der heutige Jäger und Sammler auf sich nehmen muß, um es seinen kulturprägenden Vorvätern gleichzutun. Dennoch glaubt man, wenn an einem milden Sommerabend aus allen Richtungen der Duft von Holzkohle und Grillgewürzen herüberweht, einer Urszene beizuwohnen: Der Homo sapiens feiert sich selbst – begeht bei Grillfleisch und Bier nichts weniger als den Gründungsfeiertag der menschlichen Zivilisation. Und wo Zivilisation ist, dort ist auch Kultur; wo Kultur ist, dort ist auch Kult.

Was noch vor wenigen Jahren das Auflegen von Bratwürsten auf Edelstahlroste war, ist längst zur Hohen Schule geworden, in Vereinen und Verbänden organisiert. Die Begriffe „Grillseminar“ und „Grillkurs“ führen in der populärsten Suchmaschine zu 250.000 Treffern, Buchhandlungen führen meterweise Literatur und Fachzeitschriften, in Internetforen werden Grillkonstruktionen bis ins Detail diskutiert. Und es gibt Wettbewerbe, von der Regional- bis hin zur Weltmeisterschaft. All dies ist streng geregelt durch die GBA (German Barbecue Association), die im Juli die deutsche Grillmeisterschaft durchführt, oder gar durch die WBQA (World Barbecue Association), bei der es im Juni in Göteborg um den Weltmeistertitel geht.

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Niemand grillt für sich allein.

Man muß sich von all dem nicht anstecken lassen und kann doch am Grillen seine Freude haben. Die Genderbehauptung – das Klischee vom Mann, der allein beim Grillen seiner Neandertalernatur entsprechend Nahrung zubereitet – ist am Ende bestenfalls gut fürs Kabarett. Das Geheimnis der glühenden Kohle im Vorgarten ist wohl eher: Niemand grillt für sich allein.

Das Grillen ist – damit kommen wir zum Anfang zurück – ein gemeinschaftliches Projekt, mit der Familie und mit Freunden. Und als solches erinnert es an den historischen, imaginären Moment, als der Mensch Mensch wurde. Wobei unerheblich ist, ob nun Fleisch oder Tofuburger auf dem Grillrost liegen. Denn das gleiche Großhirn, das der Mensch als Karnivore vielleicht überhaupt erst entwickeln konnte, versetzt ihn heute in die Lage, in dieser Frage Überlegungen anzustellen und skeptisch Grenzen zu setzen. Vergleiche hinken bekanntlich: Der Supermarkt ist eben kein Jagdrevier, sondern die Verteilungsinstanz einer hochindustrialisierten Fleischproduktion. Ob nun die Konsequenz daraus ein vegetarisches Leben oder ein bewußter Fleischkonsum ist, sei jedem selbst überlassen. Das immerhin haben uns die vielen Jahrtausende gebracht: Das Großhirn grillt mit.

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