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Ordensschwestern

In der Kirche des Benediktinerinnenklosters Bouzy-la-Forêt.

Ordensschwestern im Heute und Morgen.

„Es gibt Tage, an denen war ich vielleicht überhaupt nicht fromm, aber dafür nett zu 250 Menschen“, beendet Sr. Georgia die Aus-
führungen zu ihrer persönlichen Berufungsgeschichte und ihres Lebens als Ordensfrau.

Die 72jährige betreut heute das Archiv und die über 16.000 Bände fassende Bibliothek des Ordens der Missions-Benediktinerinnen in Wessobrunn. Regelmäßig führt sie Gruppen durch die öffentlich zugänglichen Teile des Klosters.

Ihre nächste Aufgabe: Das Verfassen einer Chronik über das Kloster des Ordens, das seit über einen halbem Jahrhundert ihre spirituelle Heimat ist und fast ebenso lange auch ihr Zuhause.

In der Kirche des Benediktinerinnenklosters Bouzy-la-Forêt.

Nun ist es seit einigen Tagen bekannt: das Kloster wird in der nächsten Zeit verkauft werden. Die Welt der Nonnen, ist sie eine aussterbende? Und wieviel haben wir bisher mitbekommen, bekommen wir heute mit von dem so oft verborgenen Leben der Schwestern, von ihrer Entschiedenheit, Hingabe und Passion? Es ist auffällig, daß gerade in letzter Zeit einige Publikationen genau auf diese Frage Antworten gesucht haben: vom historischen über den volkskundlichen bis hin zum persönlich-psychologischen Blickwinkel reicht die Bandbreite. Wo und wie werden in Zukunft Nonnen und Schwestern ihre Existenz und ihren Ausdruck finden?

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Frauenkloester Klosterfrauen

Abgesang oder Neuaufbruch?

Massive Veränderungen familiärer Strukturen, ein starker Wandel der Frauenrolle sowie die Übernahme zahlreicher sozialer und pflegerischer Einrichtungen durch den Staat haben deutliche Spuren in der heutigen Darstellung klösterlichen Lebens hinterlassen. Frauen, die sich heute für ein Leben in einer Ordensgemeinschaft entscheiden, sind im Durchschnitt älter, reflektierter und höher qualifiziert als ihre Mitschwestern noch vor einem halben Jahrhundert.

Vor allem sind sie stark dezimiert: Nur noch um die 100 Novizinnen verteilt auf 1.700 Ordensgemeinschaften in Deutschland zählt Joachim Frank im Vorwort der Publikation über Vinzentinerinnen „Barmherzige Schwestern“. Eine gewisse Radikalität bräuchten Frauen heutzutage, um sich einem kontemplativen Orden anzuschließen, so eine Beobachtung in der Publikation über den Orden der Klarissen „Gewagtes Leben – 800 Jahre Klara von Assisi“. Verbirgt sich hinter dieser Aussage neben Ehrfurcht auch Erstaunen darüber, daß es heutzutage überhaupt noch Anreize geben kann, sein Leben Gott zu schenken,
es im Gebet zu verbringen, in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit? Interessant ist, daß gerade die kontemplativen Orden in ihrer entbehrungsreichen, strengen Zurückgezogenheit noch den stärksten Zulauf verzeichnen.

Oft ist der Verkauf eigener Einrichtungen die einzige Antwort, wenn die Kapazitäten und Kräfte für die Bewirtschaftung der Einrichtungen nicht mehr reichen. Von der Pflege der ältesten Mitschwestern einmal abgesehen. Der Chorgesang wird immer dünner, Orte kulturellen und wirtschaftlichen Potentials, Oasen
der Fürbitte, drohen unwiederbringlich zu vergehen. Der Umgang damit stellt eine große Herausforderung
für die Ordensmitglieder dar, wenn nicht sogar ein Dilemma: Je nach Temperament zeigt sich hier die ganze Bandbreite von achselzuckendem Einwilligen in den Abgesang, das Ende einer Ära bis hin zu der pfiffigen und findigen Erschließung neuer Bereiche.

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Starke Frauen aus dem Kloster

Orientierungs- und Lernfeld Nonne.

Ist die skizzierte Abschiedsstimmung gleichzeitiger Nährboden für
die seit geraumer Zeit erwachte Faszination für „Frauenklöster – Klosterfrauen“?


Wenn es nur noch rund 22.000 Ordensschwestern gibt, Tendenz dramatisch abnehmend, was können, ja was hoffen wir, von den verbliebenen Schwestern zu lernen? Wonach suchen wir, wenn
wir uns in die uns zugänglichen Bereiche ihrer Welt begeben? In
Form von „Retreats“ oder „Stillen Tagen“ in der Obhut einer religiösen Gemeinschaft Kraft zu tanken mag sich für diejenigen anbieten, die gern im eigenen Kopf umherwandern.

Daß selbst kontemplative Orden Gästehäuser bereitstellen und sich Strömen erschöpfter Pilger aussetzen, die sich teils mit der gleichen Begeisterung in die Kontemplation stürzen, mit der sie zuvor ausgebrannt sind, ist eine sehr moderne Form der Seelsorge. Wo sie ihre Zukunft sehen, möchte ich von Sr. Georgia wissen. Schweigen. „Wir wissen es nicht.“ Zögern. Beredte Stille, aus der sich langsam, zaghaft, Worte formen. „Was bleibt? Unterm Strich? Durch das eigene bescheidene Wirken Erfahrungen von Gottesbegegnung schaffen.“

Über dem Strich kann das bedeuten, immer wieder behutsam zu erspüren, sich und die Menschen, die zu den Schwestern kommen, zu fragen: Was brauchen die Menschen heute? Ihnen durch unermüdliches Engagement in der Sozial- und Pastoralarbeit etwas mitzugeben, sich im Gespräch, in der Begegnung und im gemeinsamen Gebet anzubieten. Die Gewißheit, Gegenstände des modernen Lebens nutzen zu können und zugleich zu wissen, sie sind nicht notwendig.

Die Gespräche und Porträts mit „Starken Frauen“ und „Barmherzigen Schwestern“, machen Hoffnung. In der exemplarischen Betrachtung von Geschichten und Gesichtern entspiegelt sich die geheimnisvoll aufgeladene Projektionsfläche „Nonne“. Eine zarte Durchlässigkeit entsteht, es öffnet sich ein neuer Raum der gedanklichen und tatsächlichen Begegnung. Vertrauensvoll und offen beantworten die porträtierten Frauen viele Fragen, die aus Unsicherheit oder mangelnder Gelegenheit ungestellt und uns so verborgen geblieben wären. Die stärkste Kraft der Schwestern? Sicher die Fähigkeit trotz Momenten des Zweifels, der Fragen und der Angst, die sich in vielen Lebensentwürfen als Zerrissenheit manifestiert, stets eine würdevolle und demütige Gelassenheit auszustrahlen – und Frieden. Kein Hadern, eine innere Haltung, die mit dem eigenen Weg im Einklang steht, tröstlich, warm und voller Gottvertrauen.

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Barmherzige Schwestern

Aufeinander schauen – in Liebe. 

So kann die gesamte Bandbreite von Geschichten, Reflextionen und Momentaufnahmen über klösterliches Leben als Angebot für einen Dialog gelesen werden. Als Ermutigung zur Suche nach Gemeinsamkeiten in der unendlichen Vielfalt heutigen gesellschaftlichen Lebens, ein ausbalancierender Gegenpol an einem Ende eines Extrems, an dessen anderem Ende Selbstverwirkung und Konsumverherrlichung ebenso rücksichtslos wie unkritisch angebetet werden.

Dieser zerstörerischen gesellschaftlichen Entwicklung durch Hingabe etwas entgegenzusetzen ist ehrenwert und kann unser geistiges und empathisches Überleben sichern. Im Glauben tief verwurzelt, leichten Herzens und mit noch leichterem Gepäck, kann sich der innere Reichtum am glaubwürdigsten manifestieren. Ein Eintrag aus dem Gästebuch des Karmel Regina Martyrum in Berlin, in deren Gästehaus auch ich einst Gastfreundschaft und Stille fand, fällt mir wieder ein: „Liebe Schwestern, Sie leben für uns etwas Besonderes.“
Kirsten Kohlhaw, Berlin