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Musik und Architektur

OktaDeutsches orthodoxes Dreifaltigkeitskloster Buchhagen
Deutsches orthodoxes Dreifaltigkeitskloster Buchhagen

Klangräume der Ewigkeit.

Kirchenbaukunst nach musikalischen Gesetzen. Das deutsche orthodoxe Dreifaltigkeitskloster Buchhagen im Weserbergland ist im letzten Jahr zwanzig Jahre alt geworden, doch die Klosterkirche muß noch gebaut werden. Die Pläne dazu hat Abt Johannes seit langem erstellt. Hier erläutert er die geistigen Grundlagen orthodoxer Architektur:

Harmonie der Schöpfung.

Es gibt drei Arten von Musik. Die eine können wir hören, die andere können wir sehen, die dritte können wir weder hören noch sehen, aber betrachtend nachvollziehen. In den dreien liegt eines, was wir weder mit unseren Sinnen noch mit dem Verstand, sondern allein mit dem Geist zu erfassen vermögen. Das erste ist Gestalt in der Zeit: Gesang. Das zweite ist Gestalt im Raum: Architektur. Das dritte ist das Gesetz der Schöpfung, welches in allen Dingen verborgen waltet und welches vermittels Maß und Zahl unserem Verstande zugänglich ist. Das allen gemeinsame, nur der geistigen Schau zugängliche Eine aber ist der Ursprung, aus dem alles kommt: die Liebe, Kraft und Schönheit des dreifaltigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

So besagt ein Wort bei Paulus in Röm 1, 19 f., das wir gemäß der heiligen Überlieferung im Sinne der geistigen Erkenntnistheorie lesen: „... denn seit Erschaffung der Welt ist noch das Unsichtbare Gottes,
nämlich Seine ewige Kraft und Gottheit, in den geschaffenen Dingen geistig geschaut offenbar.“ Die Kirchenväter sprechen von der göttlichen Harmonie, vom harmonischen Zusammenklang der ganzen Schöpfung: So wie die Engel in der Ewigkeit Sein Lob am himmlischen Thron singen, so singt die ganze Schöpfung in ihrem reinen Sein das Lob Gottes in der Zeit, im subatomaren Tanz der Elektronen, im Kreisen der Planeten und im Strahlen der Sterne, im Werden und Vergehen der Wesen, in den sich wandelnden Gestalten des Daseienden. Im Buch der Weisheit heißt es: „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ Pythagoräer, Platoniker, Kirchenväter, Mönchsväter, alle großen Gestalten des Geistes haben seit jeher jenes Bildegesetz der Schöpfung geahnt oder gewußt, welches in den Verhältnissen ganzer Zahlen greifbar wird. Das ist die obengenannte dritte Art von Musik.

Gregorianischer Choral

Abbild des himmlischen Gesangs.

Als Mönche haben wir mit allen dreien zu tun, und zwar immer hinsichtlich des dahinterstehenden Einen. Dem orthodoxen Ethos entsprechend muß zuerst das Heilige, die Mitte unseres Lebens, mit den göttlichen Urbildern übereinstimmen, so weit das in der Zeit überhaupt möglich ist. So können wir uns selbst und all unser Tun in die göttliche Harmonie fügen, um unsere schöpferischen Kräfte zu reinigen und zu entfalten. Der heilige Gesang ist ein hochsubtiler Kristallisationskosmos der ewigen Gesetze, Spiegel göttlicher Schönheit, Widerhall des überhimmlischen Gesangs der Engel und der unhörbaren Allharmonie. Unabhängig davon, ob irgendein Irdischer ihn hört oder nicht, ob er der Mode oder dem Geschmack der Zeit entspricht oder nicht, erklingt er so selbstverständlich wie die Sterne am Himmel stehen und die Planeten ihre Bahnen ziehen, wie die höchsten Engel am himmlischen Thron. Das ist ein Anspruch, den zu erfüllen die Anspannung aller Seelenkräfte und viel Übung erfordert.

In den letzten 35 Jahren haben wir im deutschen Choral eine eigene Gesangstradition entwickelt, die aus demselben Urbild wächst, welches auch hinter der Gregorianik, dem byzantinischen Choral und archaischen alteuropäischen Gesangstraditionen steht, die aber nicht lateinisch, griechisch oder slawisch ist, sondern aus dem Ureigensten der deutschen Sprache schöpft. Das musikalische System ist inzwischen konsequent naturtönig ausgearbeitet, nach den Gesetzen der Obertonreihe, worin sich das obengenannte Bildegesetz der Schöpfung widerspiegelt. Das sogenannte temperierte Tonsystem, nach dem heute unsere Klaviere gestimmt sind, ist kaum 300 Jahre alt; mit der Naturtönigkeit knüpfen wir hier, im heiligen Bezirk, an älteste Traditionen an, wobei die Oktave (eine abgeschlossene Reihe von acht Tönen) nicht 12, sondern 39 Tonstufen hat. Wir haben noch viel zu üben, aber schon jetzt öffnen sich, in begnadeten Augenblicken, Klangräume hyperboräischer Klarheit und Kraft.

Abbild des himmlischen Gesangs

Klang und Stein.

Der Tempel, in dem der heilige Gesang erklingen soll, muß noch gebaut werden. Bisher feiern wir unsere Gottesdienste in der Krypta, dem bereits vollendeten Unterbau der geplanten Klosterkirche. Diese wird nach ältester Überlieferung in mehrere Räume gegliedert sein, welche den Stufen der Erkenntnis und des geistigen Weges entsprechen: Vorhalle, Vortempel, innerer Tempel und Allerheiligstes (Altarbezirk). Ihre Bauproportionen entsprechen musikalisch den naturtönigen Intervallen (Tonabständen), womit man zunächst ein angenehmes Raumgefühl erzielt – für einen sakralen Raum eigentlich eine Grundvoraussetzung. Für uns ist er auch ein Musikinstrument: was der Resonanzkörper für die Geige, das ist der Tempel für den heiligen Gesang. Indem seine Maßverhältnisse den reinen Naturintervallen entsprechen, wird er selber harmonischer Raumklang. Und indem die Symbolik der Intervalle wiederum mit der zum Mysterium hinführenden Symbolik des Tempels korrespondiert, wie sie in der heiligen Überlieferung gegeben ist, wird seine Sakralität zusätzlich gestärkt. So klingen die verschiedenen Arten der Musik im göttlichen Kult wunderbar zusammen.

Der Tempel bildet sowohl den Kosmos als auch die geistige Struktur des Menschen und seines Aufstieges, besser: seines Heraufgeführtwerdens zu Gott, ab. Der Weg beginnt in der Vorhalle, die zwischen der Außenwelt, wo der Mensch ja herkommt, und dem Mysterienraum vermittelt. Sie ist durch Arkaden zum Klosterhof geöffnet. Die Bauproportionen 2:9 und 4:9 ergeben das musikalische Symbol des Menschen in seiner irdischen Polarität, die große Sekunde. Der erste Schritt des geistigen Weges besteht in der Entscheidung, über die kreatürliche hinaus auch die geistige Seite unseres Seins zu kultivieren. Die Entscheidung wird durch ein Bild des jüngsten Gerichtes und die Schwelle der Tempeltür symbolisiert. Diese Pforte klingt in Oktave und Doppeloktave, das sind die Verhältnisse 1:2 und 1:3. Kraft seiner Entscheidung schwingt der Mensch sozusagen auf einer höheren Ebene. So gelangt man zunächst in die Lite (Vortempel), die dem Gesetz und dem Lernen gewidmet ist. Das bezieht sich sowohl auf die Gesetze der Schöpfung als auch auf das christliche Heilsgesetz, die keineswegs gegeneinander, sondern vielmehr in einem geheimnisvollen Einklang stehen. Die Proportionen der Terz 4:5 und der Sexte 5:8 symbolisieren den Menschen in dieser Schöpfung, als deren guter Gärtner er von Gott berufen ist. Sie haben mit der Entfaltung des Lebens zu tun, und zwar sowohl hinsichtlich seiner kreatürlichen als auch seiner geistigen Seite.

Durch das Tun des Gottesgesetzes, durch erkennende Liebe, Hingabe und Lernen erlangt der Mensch das geistige Königtum. So überschreitet er die nächste Schwelle und tritt durch die Königspforte in den inneren Tempel. Diese innere Pforte hat die Proportion 2:5; die Terz über der Oktave, was den Menschen und die Dinge „im oberen Heiligtum“, d.h. in der urbildlichen Wirklichkeit, in der Ewigkeit symbolisiert. Im inneren Tempel geschieht nun die Gottesbegegnung, angefangen beim Hören der heiligen Schrift, übergehend zum Verehren der heiligen Bilder bis hin zur sakramentalen Vereinigung des Menschen mit Gott im heiligen Abendmahl. Daher ist oben in der Vierung der auferstandene Christus als Pantokrator (Allherrscher) abgebildet, der die Welt segnet. Dieser Raum ist von den Proportionen der Oktave, der Doppeloktave und der Quinte beherrscht, den musikalischen Symbolen für Ganzheit, Kosmos, überhimmlische Welt und geistiges Königtum.

Jeder kennt wohl den alten Osterhymnus „Christ ist erstanden“, der ebenfalls mit dem Königssymbol der Quinte 2:3 beginnt. Hinter der Bilderwand schließlich ist das Allerheiligste, „das Unbetretbare“ mit den einfachsten Gottessymbolen 1:1 und 1:3 (letzteres ist Hinweis auf die Dreifaltigkeit). Damit verweist dieser Raum auf das höchste und unsagbare Mysterium, welches alle Bilder und Begriffe hinter sich läßt. Dieses läßt sich nicht „lehren“ oder „erklären“, sondern nur in der Hingabe des eigenen Lebens erfahren, wie es im alten Mönchtum geschieht. So werden heiliger Gesang und sakrale Architektur zu einer Ganzheit, die in jenem geistig geschauten „Unerkennbaren Gottes“ gründet, und die ihrerseits den Menschen diskret und unter Wahrung seiner personalen Freiheit über sich selbst hinausführt. Wie weit der Mensch antwortet, liegt allein bei ihm; Klang und Raum können ihm dabei eine Hilfe sein.

 

Archimandrit Johannes

 

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