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Klosterneuburger Gewürztraminergipfel 2011

Gewürztraminer

„Gewürztraminer ist ein wunderbarer Nasenwein!“

Fünf Leiter klösterlicher Weingüter aus Österreich, Südtirol und Ungarn, allesamt Wein-
enthusiasten, fanden sich im Januar 2011 in der Vinothek Klosterneuburg ein.


Wir – das waren Wolfgang Hamm und Heinz Hausgnost (Stift Klosterneuburg), Tamás Illés (Erzabtei Pannonhalma, Ungarn), Urban v. Klebelsberg (Stift Neustift, Südtirol), Christian Werth (Abtei Muri Gries, Südtirol) und Martin Erdmann.

Wir hatten uns vorgenommen, einige Stunden mit einem unserer Lieblingsweine zu verbringen: mit dem Gewürztraminer. Nicht so sehr auf „wissenschaftliche“ Erkenntnisse hatten wir es abgesehen oder gar auf
die Vergabe von „Punkten“, sondern auf die vielen Facetten, die sich zwischen Terroir und persönlichem, emotionalem Geschmacksempfinden einstellen können. Da erlebten wir, wie vieldimensional, überraschend, wie subjektiv auch und in jedem Fall kommunikativ echte Weinkultur ist. Hier ein paar Szenen des Abends, Momentaufnahmen aus Degustation und Gespräch:

 

Von Zucker und Säure, von Gewürzen und Früchten.

Erst einmal widmeten wir uns den jungen Gewürztraminern des Jahrgangs 2009.
Vom Wein der Gastgeber ausgehend, dem Klosterneuburger Gewürztraminer, gelangten wir über die beiden Südtiroler zum trockensten Wein, dem „Tramini“ aus Pannonhalma. Letzterer ist mit 2,8 g/l Restzucker ausgebaut, und diese trockene Stilistik ist genau das Gegenteil dessen, was im Elsaß vorherrscht, einem klassischen Gewürztraminergebiet. Interessant dabei: Im Zuge der Neubestockung vor acht Jahren hat man in Pannonhalma Elsässer Klone gesetzt, die sich langsam auch in tieferen Bodenschichten etablieren und nun ihre eigene Charakteristik entwickeln. In Klosterneuburg wiederum ist Gewürztraminer nicht nur einer der Weine, die am häufigsten für die lange Reifung zu Altweinen zurückgelegt werden, sondern die Reben gehören dort auch zu den älteren (ca. 40 Jahre im Ried Gebhardin) und der Wein mit 9,5 g / l Restzucker zu den wenigen Ausnahmen, die das Stift vom sonst trockenen Ausbau macht.

Gewürztraminer Klosterneuburg

Gewürztraminer
Klosterneuburg 2009

Gewürztraminer Muri Gries

Gewürztraminer
Muri Gries 2009

Gewürztraminer Neustift 2009

Gewürztraminer
Neustift 2009

Gewürztraminer Pannonhalma

Gewürztraminer
Pannonhalma 2010

Was den Zucker angeht, so liegen die Südtiroler im Mittelfeld, ganz besonders im Klima um Neustift herum, wo starke Temperaturschwankungen den Wein auch schon recht schlank und elegant herauskommen lassen. Für C.W. von Muri Gries, das nur etwa 40 km südlich von dort liegt, ergibt sich schon ein ganz anderer Umgang mit der Wärme, die oftmals auch viel Alkohol und etwas weniger Säure hervorbringt. Aber für ihn ist sicher: „Ein bißchen Restzucker verträgt Gewürztraminer schon, allzu trocken sollte er nicht sein. Wir wollen eine gewisse Eleganz hineinbringen und eine gewisse Trinkigkeit. Wenn es zu süß wird, blockiert es im Trunk. Was Pannonhalma angeht: für uns wäre es eine Spur zu trocken.“

Stift Klosterneuburg

U.v.K.: „Zu rassig.“ T.I. nahm es humorvoll auf und konterte: „Wir wollten einen singulären Stil finden und ihn ja sowieso niemals in Südtirol verkaufen!“ „Gewürztraminer ist in Italien weit mehr als ein Modewein, er ist ein Klassiker seit mehr als 40 Jahren“, diese Feststellung von U.v.K. konnten wir alle teilen. Er ist aber ein Klassiker, der sich nicht leicht uniformieren läßt und sehr sensibel auf die Gegebenheiten von Boden und Klima reagiert. Für den Jahrgang 2009 konnten wir dies voll bestätigen: Die Gewürznoten und das blumige Bukett fehlten keinem Wein, oder, wie es U.v.K. poetisch ausdrückte: „In Klosterneuburg bin ich mit der Nase bei Apfel, Rose, in Muri Gries, der wärmsten Region, bin ich bei Litschi, Gewürznelke, also fast schon in einem orientalischen Laden. Ein Gewürztraminer ist erst mal ein wunderbarer Nasenwein.“

Stift Klosterneuburg

Kloster Pannonhalma

Und W.H. führte die Reise fort: „Pannonhalma war für mich eine Überraschung. Wo man durch die südöstliche Lage an ein warmes Gebiet denkt, hat man durch den höheren Säurelevel auch eine erstaunliche Frische ... Spannend ist, wie jeder auf seinen Wein eingeschossen ist. Du hast ein klares Bild vom Gewürztraminer, und dann findest du doch wieder so ein Spektrum.“

Gereiften Wein probieren, wo er sich findet.

Und dieses Spektrum wurde nun weitergeführt mit zwei gereiften Gewürztraminern aus Neustift, Jahrgang 2005 und 2001. Helles Goldgelb füllte die Gläser, das man bewundern konnte, während man sich und dem Wein mit der Nase noch etwas Zeit ließ. Ein  flinker Wortwechsel deutet an, was mit gereiftem Wein gemeint sein kann: 

Kloster Pannonhalma

Abtei Muri Gries

H.H.: „Du merkst gar nicht, daß der schon fünf bis sechs Jahre alt ist.“ U.v.K.: „Nein, das merkt man nicht.“ H.H.: „Vom Alkohol ist er schon sehr kräftig, 14,5%.“ U.v.K.: „Ja, die Frage ist, ob Du es merkst oder weil Du es gelesen hast ...“ H.H.: „Ich finde schon, daß er sehr harmonisch und rund ist. Ich finde den Alkohol nicht störend, wenn er wärmer ist, könnte es stören.“ C.W.: „Ich finde ihn sehr gut, die Trinkreife ist da. Er ist angenehm zu trinken, hat noch eine gewisse Jugendlichkeit, es macht Spaß.“ H.H.: „Gerade jetzt, wo die Primärfrucht noch so schön ist.“ U.v.K.: „Ja, einen Hauch gewisser Reifenoten hat er schon.“ H.H.: „Die darf er ja auch haben nach fünf Jahren.“Warum gönnt man sich so selten das Erlebnis eines gereiften Weins? Darüber diskutierten wir ausgiebig. „Den meisten schmeckt’s nicht ...“, war der lapidare Einwurf von W.H. Ja, aber warum nicht? 

Abtei Muri-Gries

Augustinerchorherrenstift Neustift

Wer einmal alten Wein getrunken hat, will keinen neuen mehr, heißt es doch schon in der Bibel. Weil oftmals die Zeit fehlt, einen gereiften Wein kennenzulernen! Ein wenig mit der Nase zu warten. Bei Tisch könnte man die Zeit und damit die Entwicklung des Weines im Glas nutzen. Vieles wird auch durch den Markt forciert, durch die Weinjournale: „Das ist oft schon am Limit. Im Oktober sind z.B. die Rotweine gerade mal so weit, aber im August kommt schon die Zuschrift wegen der Rotweine. Das ist wirklich alles zu früh. Dann machst du Faßproben, aber es ist immer ein Grenzgang.“ (H.H.). Doch die meisten Weine, so auch die Bordeaux, die früher oft jahrelang lagern mußten, sind heute viel eher trinkreif durch bessere Vinifikation.

Augustinerchorherrenstift Neustift

Weinverkostung

Die Freiheit zu schmecken.

Dennoch meinte C.W.: „Das Problem ist, daß die Konsumenten nicht mehr verstehen lernen, wann so ein Wein wirklich gut zu trinken ist“, etwas, was W.H. nicht als so problematisch empfand: „Jeder soll entscheiden, was er tun möchte. Wenn er die Primäraromatik schätzt, dann kann er ihn früh trinken, oder er kann noch zwei Jahre warten und ihn sich entwickeln lassen.“ M.E. kam zu seinem Lieblingsthema, der sophistischen Hemmschwelle: „Man hört öfters: Ich bin nur ein Laie, das kann ich sowieso nicht schmecken ...“ U.v.K.: „... das darf ich nicht schmecken.“ M.E.: „Man muß nicht immer mit einem klugen Gesicht dasitzen, sondern sollte einfach mal probieren. Das beste ist, wenn man sich noch nach Jahren an einen Wein erinnern kann.

Und ein Wein muß auch ein Getränk sein dürfen.“ Und so kamen wir zu den Preziosen, Gewürztraminern aus Klosterneuburg der Jahrgänge 1979, 1972 und 1969 – den edlen Spendern sei Dank! Die waren damals mit sehr viel mehr Restzucker ausgebaut worden, und so war der erste Kommentar von M.E.: „Fast etwas malzig.“ Und U.v.K. sinnierte: „Die hätte ich alle ganz brutal in die Kategorie Wermut gestellt. Aber jetzt, wo Sie sagen, malzig, die Restsüße ... ja, es beginnt spannend zu werden.“ Die goldgelben Tropfen benötigen noch mehr Zeit im Glas, bis sie aufmachen. Die Nase tritt dennoch zurück, der Gaumen ist gefragt. Dazu H.H.: „In der Nase ist es schon schwierig, Traminer zu erkennen“; das fand auch C.W.: „Das ist ganz schwierig. Am Anfang hatten wir ja sehr alkoholische Weine, nun ist der Alkohol nicht mehr so wichtig. Früher wurde mit viel mehr Restzucker ausgebaut. Aber die Sorte ist auf Anhieb nicht zu erkennen.“

Logische Konsequenz, noch kurz zuvor an den Jahrgängen 2001–2009 erfahren: „Bei den jüngeren ist das noch sehr viel leichter“ (H.H.). Es müssen eben andere Prioritäten gesetzt werden ab einem bestimmten Alter, da „hat eine Sorte auch nicht mehr den Anspruch, als solche erkannt zu werden, sondern da tritt der Sortencharakter in den Hintergrund“, wie U.v.K. ganz richtig bemerkte. Aber nach einiger Zeit ist T.I. begeistert: „Die sind einfach tadellos, keine Kritik. Und obwohl sie die gewöhnliche Säurestruktur nicht mehr haben, sind sie tadellos, und die Aromatik ist frisch!“ Wir waren also in zwei Stunden 41 Jahre in der Gewürztraminerkultur zurückgereift. Das Resümee von C.W.: „Bei bestimmten Weißweinen, z.B. beim Gewürztraminer, ist die Lagerfähigkeit sogar oftmals besser als bei manchen roten.“ U.v.K.: „Bravo!“

 

 

Martin Erdmann
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