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Klostermodelle. Gnadenthal und Plankstetten

Stabilitas loci – genius loci: Zukunftsweisende Klostertradition.

Kultur ist so zeitbedingt wie die Menschen, die sie geschaffen haben, und doch kann der Ort ihrer Entstehung so sehr von einer genuinen Idee durchtränkt sein, daß ihre Essenz die Jahrhunderte hindurch entweder als aktive Konstante lebendig ist oder gleichsam in einer Dauerform übersteht und sich wiederbelebt, sobald ihre Lebensbedingungen wieder gegeben sind. Dieses Phänomen findet man oft bei Klöstern, deren Gründungsort nicht selten mit einer intuitiven Treffsicherheit ausgewählt wurde, über die man nur staunen kann. Und da ließe sich sofort fragen, was denn zuerst da war: der Ort oder die Idee? Zweifellos sind diese beiden Aspekte im klassischen Mönchtum aber gar nicht voneinander zu trennen, denn das erste Gelübde der „alten“ (benediktinischen) Orden ist „Stabilität des Ortes“, dazu kommen „klösterlicher Lebenswandel“ und „Gehorsam“.

Kloster Gnadenthal

Dorfplatz in Gnadenthal.

All das ließe sich auch zusammenfassen mit dem einen Begriff „Treue“: zur Berufung, an einem konkreten Ort, in einer konkreten Ausformung des klösterlichen Ideals an diesem Ort und mit bestimmten Menschen zusammen sich auf das Abenteuer Klosterleben einzulassen. All das ist eben auch Treue zu sich selbst und seiner Entscheidung, und diese befähigt den Menschen, den klösterlichen Weg zu beschreiten und sich in der „Profeß“ zu binden. Profeß heißt nun auch wieder nicht zu allererst „Gelübde“, sondern „Bekenntnis“, und hier ist es das Bekenntnis zur Stabilität und zum Genius des Ortes, an dem Klosterleben konkret wird. Der Ort wird zum Ausgangspunkt für die Zukunft und zum Ruhepunkt der Seele.

Schauen wir uns schlaglichtartig und beispielhaft zwei ganz unterschiedliche Orte klösterlichen Lebens und Arbeitens in Deutschland an, deren Genius aus dem hohen Mittelalter herrührt und bis heute lebendig ist, mit anderen Worten: zukunftsfähige Gegenwart, Geistesgegenwärtigkeit. Da ist zum einen Gnadenthal im Taunus, ein Kloster mit ganz besonderer Struktur, das mit seinem Dorf verschmolzen ist. Da ist zum anderen die alte Benediktinerabtei Plankstetten im Sulztal, von der entscheidende Impulse für den modernen biologischen Landbau ausgegangen sind.

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Ein Kloster als Dorf, ein Dorf als Kloster: Kloster Gnadenthal.

Ein besonderes Beispiel ist Gnadenthal, ein winziges Dörflein südlich von Limburg, das aus dem gleichnamigen Zisterzienserkloster entstanden ist. Bereits 1235 gegründet, ging es in der Reformation unter und existierte vom Dreißigjährigen Krieg bis 1936 als staatliches Hofgut weiter.

Dann wurde es auf acht Landwirtschaftsbetriebe aufgeteilt und entwickelte sich so zu einem winzigen Dorf. Und 1969 begann eben dieses Dorf, das vorher keins war, sich wieder zu einem Kloster zu wandeln, nachdem die Klostergebäude von der überkonfessionellen Jesus-Bruderschaft wieder genutzt wurden. Neubauten kamen hinzu: interessanterweise als erstes das „Haus der Stille“ im Jahr 1973. Dort gibt es vor allem ein reiches Programm von Seminaren und Einkehrtagen. Das Auf und Ab sanfter Hügel gliedert diesen Ort schon landschaftlich sehr stark. Hinzu kommen die Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten und in verschiedenen Baustilen: von der alten Zisterzienserkirche über Fachwerkhäuser bis hin zu den modernen Gebäuden, die etwa einen Verlag und eine Galerie beherbergen. Klösterliches und weltliches Leben vermischen sich, gehen Hand in Hand, können und sollen gar nicht voneinander getrennt werden.

Der Gemeinschaft gehören heute ehelos lebende Männer und Frauen ebenso an wie Familien. Von den 100 Dorfbewohnern sind etwa ein Drittel Mitglieder der Kommunität, sie geben dem Klosterdorf seine Struktur und geistliche Aussage. Klosterleben ist hier nicht aus der Welt ausgegliedert, sondern integriert. Auch wer nicht der Kommunität angehört, kann seinen Tag von den Gebetszeiten strukturieren lassen. Mit der Kirche, den Landwirtschaftsbetrieben, dem Präsenz-Verlag, Gästehäusern und weiteren Einrichtungen ist Gnadenthal nicht nur ein ungewöhnliches Kloster, sondern vermutlich das bunteste und lebendigste Dorf dieser Größenordnung. „Weltliche“ Betriebe sind eng verzahnt mit klösterlichem Wirtschaften, so zum Beispiel Schafzucht und Metzgerei. Ein Tischler und Holzgestalter hat sich vor Ort niedergelassen und schafft Arbeitsplätze, die den Menschen, die sie einnehmen, gerecht werden. Bei alledem ist Gnadenthal keine Heile- Welt-Utopie, sondern konkreter Alltag. Und der funktioniert ganz praktisch durch das Miteinander von Kloster und Welt.

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Leuchtturm über die Region hinaus: Benediktinerabtei Plankstetten.

Der Autarkie mittelalterlicher, oft in der Einöde gelegener Klöster nahezukommen, ist in der heutigen Welt möglich, das zeigt die im Jahr 1129 gegründete Benediktinerabtei Plankstetten im Fränkischen Jura nahe Nürnberg. Die barocke Klosteranlage mit romanischer Kirche gilt als herausragendes Beispiel abendländischer Klosterkunst, die landwirtschaftliche Betriebsfläche umfaßt 219 Hektar Acker- und Grünland sowie 65 Hektar Wald. Vor 20 Jahren begann die Umstellung auf eine zukunftsorientierte, ökologische und ganzheitliche Wirtschaftsweise. Bewußter Umgang mit Energie und nachhaltige Kreislaufwirtschaft sind die zentralen Themen des Klosters, eben weitgehende Autarkie.

Die ökologischen Produkte des Klosters aus Landwirtschaft, Gärtnerei, Metzgerei und Bäckerei nähren Mönche wie Besucher und Tagungsgäste und werden – wie das nach Klosterrezept im Riedenburger Brauhaus gebraute Bier – im Klosterhofladen vermarktet. Wachstum hat in Plankstetten natürliche Grenzen, die Wertschöpfung erfolgt wesentlich in der Region.

Benediktinerabtei Plankstetten

Benediktinerabtei Plankstetten.

Das Klostergut Staudenhof mit Mutterkuhhaltung im offenen Vorderfrontstall, sechsjähriger Fruchtfolge mit regelmäßigem Brachejahr, Streuobstwiesen und dezentraler Energie- und Wassernutzung ist ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium ausgewiesener „Demonstrationsbetrieb ökologischer Landbau“. Seit über einem Jahrzehnt „pilgern“ einmal im Jahr auch einige hundert Biobauern nach Plankstetten. Josef Wetzstein, der geschäftsführende Landesvorsitzende von Bioland Bayern, kann sich keinen geeigneteren Ort für die einwöchige Jahrestagung seines Verbandes vorstellen: „Für uns ist das Kloster so etwas wie ein geistiges Mutterhaus. Uns beeindruckt immer wieder, wie konsequent hier ökologische Ansätze umgesetzt werden. Das hat Strahlkraft weit über die Region hinaus.“

Besondere Bodenständigkeit.
Es sind die ureigenen benediktinischen Wurzeln, auf die sich die Plankstettener Mönche besonnen haben. „Leben aus dem Ursprung“, lautet der Leitspruch der Abtei. Frater Andreas Schmidt, als Zellerar verantwortlich für die wirtschaftlichen Belange des Klosters und einer der treibenden Kräfte bei der Neuausrichtung, nennt es „ein Konzept, das rund läuft. Man muß vorausdenken.“ Das moderne Prinzip der Nachhaltigkeit wird von den Benediktinern schon seit Jahrhunderten verwirklicht, das Ergebnis umschreibt der Begriff „Terra benedictina“, gesegnete Landschaft. Das Ganze hat viel mit der „stabilitas loci“ zu tun, jenem Ordensgelübde, nach dem ein Mönch nicht versetzt wird, sondern zeitlebens in „seinem“ Kloster bleibt.

Eine Bodenständigkeit besonderer Art wird dadurch begünstigt, ein erhöhtes Verantwortungsgefühl gegenüber künftigen Generationen und der bewirtschafteten Natur. Ein Kloster an Fluß und Quell anzusiedeln, ödes Land urbar zu machen und auskömmlich im Einklang mit der Natur zu wirtschaften, das war die Vorgabe des hl. Benedikt. „Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, daß sich alles Notwendige, nämlich Wasser, Mühle und Garten, innerhalb des Klosters befindet und die verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt werden können“, sagt die Benediktsregel, Kapitel 66.

Bereits der erste Abt des 1904 nach der Säkularisation von 1806 wiederbesiedelten Klosters ließ am Flüßchen Sulz Generatoren installieren, um aus Wasserkraft elektrischen Strom für die Lichtversorgung des Klosters zu gewinnen. Seit der Fertigstellung des Rhein-Main-Donau-Kanals wurde diese alternative Form der Stromgewinnung durch eine Photovoltaik-Anlage ersetzt, die bis heute in Betrieb ist. Neben einer aus dem eigenen Wald versorgten Hackschnitzelheizung ist sie Teil des regenerativen klösterlichen Energiekonzepts, für das sich immer mehr Architekten und auch andere Klöster interessieren.

Das Thema „Ökologie & Region“ ist Sammelschwerpunkt der Klosterbibliothek, im klösterlichen Bildungshaus werden Seminare etwa zur Dorferneuerung angeboten. Mit seinem vorbildhaften regionalen Autarkiekonzept hat Plankstetten in den letzten 20 Jahren eine überregionale Bedeutung gewonnen und sich zu einem Lernort für ökologischen Landbau, für erneuerbare Energien und zunehmend auch für energieeffiziente Gebäudesanierung entwickelt. Klöster haben Strahlkraft, das zeigt sich beispielhaft in Plankstetten. Tradition haben die Mönche dort unter den Aktiva verbucht. So laufen sie nicht Gefahr, sich an Moden und Trends anbiedernd unter die Passiva zu geraten. Ihr Blick geht weit über die Klostermauern hinaus, und für die „anderen“, „draußen“, lohnt es sich, einmal dahinterzuschauen.

Alf Mayer und Martin Erdmann

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