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Ein Klostergarten soll es werden

Klostergarten St. Severin

Im früheren Klostergarten von St. Severin; die Pflanzen sollen nun am neuen Ort neu anwachsen.

Jeder Ort hat seinen Zauber und seine Mühen. Als sich unser Kloster noch in Leinau befand, war es aufgrund des Zuschnitts des Grundstücks und der geographischen Lage nicht möglich, dort einen klassischen Klostergarten anzulegen. So haben wir jahrelang einen Biotop-Wildkräutergarten gehegt und gepflegt, in dessen gewachsenem Bestand sich viele seltene Kräuter aus aller Welt befanden. Der Verlust unseres Klostergebäudes im Jahr 2010 bedeutete für unsere Gemeinschaft, schweren Herzens auch den Garten lassen zu müssen. Mit viel Mühe gelang es uns dennoch, etwa neunzig Prozent der Pflanzen zu retten.

Nun leben wir auf der Höhe über Kaufbeuren, und dort sind die Voraussetzungen nicht gegeben, eine ähnliche Gartenanlage anzulegen wie zuvor. Unser Kloster befindet sich auf dem Berg, und das Klima ist viel strenger. Durch den Umzug der Abtei an den jetzigen Standort ergaben sich jedoch neue Möglichkeiten der Planung, da das Gelände weitläufig und flach ist. So zeichnete sich die Möglichkeit eines klassischen Klostergartens ab, und der Konvent hat beschlossen, nun einen Zwölffelder-Klostergarten anzulegen, wie er aus mittelalterlichen Klosterplänen bekannt ist.

Unser Orden folgt der Regel des heiligen Benedikts, der festgeschrieben hat, daß alles, was zum Unterhalt der Mönche dient, nach Möglichkeit innerhalb der Klosteranlage situiert sein sollte. Einerseits diente das dem Schutz der Gemeinschaft in kriegerischen Zeiten, anderseits sollte das Kloster ja ein Abbild des Paradieses sein, inmitten der Gefahren und Widrigkeiten der „Außenwelt“. Der Klostergarten erscheint hier im Bild eines Garten Eden, in dem alles wächst, was zur Versorgung des Menschen dient.

Die Zahl 12 hatte für die Menschen des Mittelalters eine besonders mystische Bedeutung, sie repräsentiert den Jahreskreis – 12 Monate, die Zeit – 12 Stunden Tag, 12 Nacht, den Bund Gottes mit den Menschen: 12 Stämme Israels, 12 Apostel, 12 Tore am himmlischen Jerusalem. In der 12 sind die beiden Zahlen der göttlichen und kosmischen Vollkommenheit enthalten: 3 x 4.

Als Spiegel der göttlichen Ordnung entspricht der Garten einer zeichenhaft-sinnlich erfahrbaren Theologie. Ganz praktisch sind die zwölf Felder dem Bruder Gärtner und selbst dem einfältigsten Novizen eine Navigationshilfe, wo welche Pflanzen vorzufinden sind. Insgesamt wird er zwischen 24 bis 36 der wichtigsten Heil-, Gewürz- und Gemüsepflanzen Platz bieten.

Mit leichten Abweichungen sind es immer noch die gleichen Pflanzen, die schon im „Capitulare de villis“, der Landverordnung Karls des Großen verzeichnet sind. Darin schrieb Karl vor, welche Pflanzen in den Gärten seines Reiches verbindlich anzubauen waren. Auf sie geht einer der großen Dichter der Karolingerzeit, Walahfrid Strabo, ein; in seinem vorzüglichen Lehrgedicht „Hortulus“ erwähnt er: Salbei, Weinraute, Eberraute, Flaschenkürbis, Melone, Wermut, Andorn, Fenchel, Schwertlilie, Liebstöckel, Kerbe, Lilie, Schlafmohn, Muskatellersalbei, Frauenminze, Poleiminze, Sellerie, Heil-Ziest, Odermennig, Rainfarn, Katzenminze, Meerrettich, auch den Garten-Rettich und die Rose. Dies sind Pflanzen, die zu Zwecken der Versorgung des Klosters in Küche, Apotheke, Bad und Kirche dienlich waren und nicht ausreichend wild wuchsen oder nicht heimisch waren. Alles andere wurde entweder wild gesammelt oder auch in den zusätzlichen Obstgärten und auf den Feldern des Klosters angebaut.

Im Mittelpunkt des Gartens auf zentraler Achse wird dann das Kreuz als Besinnung auf den wahren Herrn und Schöpfer des Gartens stehen. Als ehemaliger Gärtner (in meiner Zeit vor dem Kloster) war ich oft desillusioniert, weil alle romantischen Vorstellungen, die ich als Jugendlicher von einem Garten hatte, jäh enttäuscht wurden. Da ging es um industriellen Anbau, um Effizienz und pekuniäre Ausbeutung der Natur. In einem Klostergarten geht es um den Einklang mit der Schöpfung, man lernt die Pflanzen als empfindliche Wesen kennen. Hier lernt man in ökologischer Verantwortung zu handeln, denn wir sind nur Hüter, nicht Herren des Gottesgartens. Mit Gottes Hilfe möge unser Vorhaben gelingen.


Abt Klaus OPR (†); Ökumenische Zisterzienserabtei St. Severin, Kaufbeuren

Klostergarten: Erinnerung an das verlorene Paradies.
Jeder Garten rührt an eine Sehnsucht, die tief im Menschenherzen schlummert, die Sehnsucht nach jenem Ur- und Glücksgarten der Menschheitsfrühe, dem Ort der Geborgenheit und des Vertrauens, wo das Verhältnis des Menschen zu seinem Gott und Schöpfer noch ungebrochen war.

Ist es nicht diese Sehnsucht, diese Erinnerung an das verlorene Paradies, die die Menschen zu allen Zeiten bewegte, Gärten anzulegen und zu pflegen? Was macht aber einen Garten, unseren Garten, zu einer Welt voller Farben, Düfte und Köstlichkeiten, zu einem kleinen Paradies? Ist es die wohldurchdachte Anlage, sind es die harmonisch aufeinander abgestimmten Gewächse in ihren unterschiedlichen Blüh- und Reifezeiten? Ist es die liebe- und mühevolle Pflege, ist es Sonne, Wind, Regen und Tau zur rechten Zeit? – All das ist wichtig, sicher, aber das Eigentliche bleibt immer ein Wunder, das Eigentliche ist nicht machbar.

Und der Mensch, der mit wachem und liebendem Herzen durch seinen Garten geht, steht staunend vor diesem Wunder: Jedes Jahr begrüßt er freudig den ersten Winterling, der mit seinem warmen Butterblumengelb die noch kalten Januartage wärmt, wartet darauf, daß Schneeglöckchen, Primeln und Veilchen aus dem Winterschlaf erwachen, späht aus, wann endlich ein grüner Schimmer auf dem Land anzeigt, ob die Möhrensaat aufgegangen ist, freut sich am Flor der Sommerblumen und am Flug der Falter, prüft behutsam die reifende Frucht, nimmt den Duft der Erde und der Pflanzen auf, hört den Wind im Laube fließen und weiß doch, daß er selbst mit all seiner Mühe keine Knospe dazu bringen kann, sich zu öffnen. Daß sie es trotzdem tut, daß sie zur Blüte und Frucht heranreift, ist das immer neue Wunder, mit dem der Garten uns beschenkt.

Sr. Christa OSB; Abtei St. Maria, Fulda

 

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