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Klosterarchitektur. Der Kreuzgang

Im Kreuzgang bei den Trappisten von Nový Dvůr, Tschechien.

Im Kreuzgang bei den Trappisten von Nový Dvůr, Tschechien.

Verbinden und Sammeln.

Zwischen den Klöstern klassischer Bauweise im Abendland und solchen aus dem östlich-orthodoxen Kulturkreis gibt es einen klaren und jedem sofort ins Auge fallenden architektonischen Unterschied: den Kreuzgang. Fast jeder hat diesen Begriff schon einmal gehört und erinnert sich eventuell daran, in einer Klosterruine oder auch beim Besuch eines Domes einen arkadenförmigen, überwölbten Gang durchschritten zu haben, der einen quadratischen oder jedenfalls rechteckigen Innenhof umschließt.

Dieser Hof ist oftmals leer, oder es befindet sich in ihm ein Garten, ein Brunnen oder ein steinernes Kreuz. An den Kreuzgang sind alle wichtigen Bauteile und Räume des Klosters wie die Kirche, der Speisesaal, der Kapitelsaal und die Wohnräume der Mönche angeschlossen. Im Osten hingegen findet man, wie zum Beispiel beim Katharinenkloster auf dem Sinai, die Kirche im Zentrum der Anlage, so daß es einen Kreuzgang gleichsam als Hauptverkehrsader des Klosters nicht gibt. Zwei grundlegend unterschiedliche Konzepte also, die (klösterliche) Welt zu sehen und zu gliedern, aus denen deutlich wird, daß im Abendland eine zweckmäßige und klare Anlage des Klosters besonders betont wird, was spätestens seit dem Klosterplan von St. Gallen aus der Karolingerzeit deutlich wird: dort ist zum ersten Mal der Kreuzgang zeichnerisch festgehalten.

Und doch ist der Kreuzgang mehr als nur zweckdienliche Notwendigkeit, um allen zu ermöglichen, auch bei Wind und Wetter und trockenen Fußes von einem Teil des Klosters in den anderen zu gelangen. Und darauf weist der Begriff selbst hin, der in gewisser Weise ein Rätsel aufgibt: Von der rechteckigen Form dieses Umganges kann jedenfalls nicht logisch auf ein Kreuz geschlossen werden. Und so ist diese Frage auch kunsthistorisch nicht abschließend geklärt worden. Immerhin könnte man meinen, sofern der zentrale Hof ein Kreuz beinhaltet, es handele sich um einen „Gang um das Kreuz herum“.

Dies ist aber wenig wahrscheinlich, naheliegender indes eher die Erklärung, daß die Mönche und Nonnen bei liturgischen Prozessionen im Kreuzgang ein Kreuz vorantragen. Ganz offenkundig war den alten Klöstern wichtig, diesen zentralen Bereich des Klosters nicht nach seiner vordergründigen Funktion zu bezeichnen, sondern ihm einen geistlich motivierten Namen zu geben. Aufgrund welcher Vorbilder auch immer – einige Kunsthistoriker denken an das römische Atriumhaus – es zu dieser Grundform abendländischer Klosterarchitektur kam, in älteren Zeiten, als die Ordensleute lediglich über ein Bett im Schlafsaal als „Privatbereich“ verfügten, spielte sich ein großer Teil des täglichen Lebens im Kreuzgang ab.

Hierher zog man sich zum Beispiel auch zurück, um zu lesen und zu meditieren, zumal in diesem inneren Bereich des Klosters geschwiegen und nicht geschwatzt wurde. Und bis heute hat der Kreuzgang nicht ausgedient, wie man im neuen Trappistenkloster von Nový Dvůr sieht: stark reduziert in der Form, erfüllt er auch dort immer noch die Aufgabe, Räume miteinander zu verbinden und die innere Sammlung zu fördern.

Martin Erdmann

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