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Der Klang
(Martin Schleske)

Random House


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Produktinformation

Vom unerhörten Sinn des Lebens. Von Martin Schleske, mit Fotografien von Donata Wenders.

Fester Einband, 350 Seiten, 22 x 15 cm. Kösel Verlag 2010.

Allgemeine Informationen

Aus singendem Holz geschnitzt.

Nicht aus dem Kloster kommt dieses Buch, noch handelt es vom Klosterleben. Es handelt vom Geigenbau. Einzig die Suche nach dem Klang ist es, der alle Phasen beim Bau einer Geige dienen, vom Auffinden des „singenden“ Holzes bis zum fertigen Instrument. Für Geigenbauer Martin Schleske indes wird der Klang zum Sinnbild des erfüllten Lebens, und so gerät ihm die Beschreibung seines Handwerkes zu einer symbolisch-philosophischen Reflexion. Für ihn sind Handwerk, Leben und Glauben nicht voneinander zu trennen, und was wäre das anderes als eine im Grunde wirklich klösterliche Lebenshaltung: das lebenslange Bemühen um ein hörendes Herz. Kaum einordnen läßt sich das Buch zwischen Novelle und philosophischer Abhandlung, literarisch gereift und gedanklich von ungewöhnlicher Dichte. Die folgende Leseprobe mag verdeutlichen, wozu hier der Raum fehlt.

Hören und Tun.

Die vierte Resonanz ist ein Paradebeispiel für die Wechselwirkung zweier Kräfte. Die Spannung zwischen Hören und Tun zieht sich wie ein Grund-Charisma durch die Bibel. Am Ende der Bergpredigt redet Jesus in einem Gleichniswort von einem klugen Menschen, der sein Haus auf Fels gebaut hatte. Es kamen nacheinander ein Platzregen und Wasser und Winde. Sie stießen an das Haus, doch anders als bei dem törichten Menschen, der sein Haus auf Sand gebaut hatte, stürzte das Haus des Klugen nicht ein. Es war auf Fels gegründet. Der kluge Mensch, so sagt Jesus, ist, „wer meine Rede hört und sie tut“ (Mt 7, 24). Hören und Handeln! Ein ganz ähnliches Wort hatte wenige Jahre zuvor der große jüdische Gesetzeslehrer Hillel (70 v. Chr.–10 n. Chr.) den Menschen gesagt: „Wessen Weisheit mehr ist als seine Taten, der ist wie ein Baum, dessen Zweige viele sind und dessen Wurzeln wenige; es kommt ein Wind und reißt ihn aus und wirft ihn um.“
„Hören und Tun“ sind ein gewaltiges geistliches Kräftepaar. Das eine bringt das andere hervor – was für eine Resonanz ja charakteristisch ist. Der Abgrund eines Hörens, das sich nicht zum Tun überwindet, ist der Intellektualismus. Der Abgrund eines Handelns, das auf das Hören verzichtet, ist der Pragmatismus. Der Pragmatismus ist eine Beleidigung unseres Verstehens. Er macht alle Dinge zu einer Rezeptsammlung, denn er hat keine Liebe für die Sache an sich. Diese Haltung ist der sicherste Weg, niemals ein hörendes Herz zu erlangen. Das Nützlichkeitsdenken des Pragmatismus macht den Glauben unfähig, irgend etwas zu hören, ohne dabei reflexartig zu fragen: Was bringt mir das? Solch eine Herzenshaltung entwürdigt das liebende Suchen und das suchende Lieben des Glaubens. Die großen Dinge der Wissenschaft wurden häufig von Menschen erbracht, die eine neugierige Liebe hatten, die Dinge zu erforschen. (Man nennt den Bereich, in dem solche Menschen zu Hause sind, Grundlagenforschung.) Ein Mensch, der jede Anstrengung dahingehend überprüft, ob sie für den Moment etwas bringt, wird Gott und die Welt banalisieren; er hat weder ein forschendes Herz, noch wird er jemals vor Gott ein hörender Mensch sein! Auf Dauer macht es unendlich müde, wenn man nur mit Menschen zu tun hat, die keine andere Frage kennen als die, was es bringt.
Die Kehrseite dieser verkehrten Herzenshaltung ist der Intellektualismus. Er ist eine Beleidigung der Tat, denn er reduziert den Glauben auf ein anregendes Gedankensystem. Man läßt sich zu nichts bewegen, denn die einzig bewegende Frage ist: Ist es ein schöner Gedanke? Regt er mich an? Es ist eine geistlose Haltung, denn was dem Menschen Halt und Reife gibt, so Jesus und Hillel, ist nicht seine Weisheit, sondern seine Tat.
Intellektualismus und Pragmatismus sind abgestürzte Größen. Die Berufung liegt im harmonischen Gegensatz aus Hören und Tun: Oft sollen wir Dinge verstehen, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt ihre Frucht bringen können. Im Moment des Hörens sind die Dinge noch nicht reif, doch sie werden gesät. Wer sich angewöhnt hat, nach jedem Gespräch, nach jeder Predigt, jeder Lektüre und jedem Gedanken unwillkürlich zu fragen: „Was bringt mir das?“, der zieht und zerrt an der Pflanze, als würde sie dadurch schneller wachsen und ihre Frucht eher bringen.
Einmal wendet sich Jesus nach einer längeren Rede noch einmal an seine Jünger und sagt: „Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt“ (Mt 3, 52). Jesus redet hier von Schriftgelehrten, die zu Jüngern werden. Was solch ein Hausvater des Himmelsreiches den Menschen zum Leben gibt, ist Neues und Altes: Es ist neu, das heißt unmittelbar vom Geist empfangen, und für diesen Moment richtig und recht. Doch es ist auch das Alte, das über lange Zeit hinweg empfangen, bewegt und durchlebt wurde. Es ist gereift wie ein guter Wein, und der schriftgelehrte Jünger holt ihn zur rechten Zeit aus den Kammern des Himmels, die sich ihm öffnen. Ein hörendes Herz braucht diese Liebe, in der die Dinge wachsen und reifen können. Wir brauchen einen größeren Respekt vor Gott, um der Gefahr des Pragmatismus zu widerstehen, der nur nach unmittelbarem Nutzen fragt und nichts reifen läßt!
Der harmonische Gegensatz zum Hören ist das Tun. Jesus ließ sich nicht unter Druck setzen, etwas hervorzubringen, was noch nicht reif war. In eine markante Situation spricht er hinein: „Meine Zeit ist noch nicht da. Eure Zeit aber ist allewege“ (Joh 7, 6). Er kann warten und beobachten und zur rechten Zeit in der rechten Weise handeln. Die Lebensweise Jesu ist von einem inneren Blickkontakt zu Gott geprägt. So begreift er den Sinn der Zeit, die ihm gegeben ist. Im Leben Jesu gibt es kein Erkennen um des Erkennens willen. Keine Spur von Intellektualismus. Er ist in der Lage, den Willen Gottes zu erkennen, einzig darum, weil er ihn tun will! So wird in unserem Alltag eine geistgewirkte Unruhe entstehen, die uns zur Mahnung wird, wenn wir wieder und wieder über unsere Ruhe hinaus die Dinge abarbeiten, ohne sie zu erfüllen. Erst dann, wenn wir uns an einen heiligen Willen gebunden wissen, wird der Pendelausschlag zwischen pflichtbehafteter Getriebenheit und suchtartiger Entspannung in uns zur Ruhe kommen.

Leseprobe aus:
Martin Schleske: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens.
Kösel Verlag 52012, S. 79–81.