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Gregorianischer Choral. Mit Ohr, Hand, Herz und Mund

Stiftsbibliothek Sankt Gallen

Dieses Bild entstand um das Jahr 1000 und befindet sich in der Stiftsbibliothek St. Gallen (Cod. Sang. 390, S. 13). Das Bild zeigt keine historische Tatsache, sondern versucht, typologische Sachverhalte zu vermitteln: Gregor der Große zeigt schweigend, nur durch seine Hand, seinem Sekretär, wie die ältesten Melodien entstehen: durch Winke (gr. Neumen).

Gregor erhält seine Inspiration durch den Geist, der in Gestalt einer Taube sich seinem Ohr nähert, und er verweist auf sein Herz, wo er den Gesang verarbeitet. Noch bevor er die Melodie weitergibt, bewegt er sie in seinem Herzen. Der Sekretär schreibt diese Zeichen mit seinem Griffel auf und vermittelt sie der Nachwelt.

Die Musik des Abendlandes singt und klingt seit mehr als 1.400 Jahren und hat die Kulturräume Europas mit ihren von Vielfalt und Fülle geprägten Werken und durch ihre Entwicklung zur Mehrstimmigkeit bereichert. Sie beginnt also nicht etwa – wie in vereinfachten Darstellungen oft zu finden – bei Bach und Monteverdi.

Ihre Quellen und Wurzeln liegen in den einstimmigen, lateinischen Kultgesängen des Christentums, die nach dem Papst Gregor dem Großen (+ 604) unter der Gattungsbezeichnung „Gregorianischer Choral“ gefaßt sind. Dieser Gregorianische Choral seinerseits kann auf Quellen des jüdischen Synagogalgesanges und griechischer Musikpraxis zurückgreifen und erhält im Rom des vierten und fünften Jahrhunderts bereits wesentliche Züge seiner Eigenart, nach dem „Export“ ins Frankenreich im siebten bis achten Jahrhundert aber erst seine endgültige Gestalt. Über fast drei Jahrhunderte lang vermochte er vor allem in den kulturtragenden Klöstern das kultische Leben zu prägen und darüber hinaus die unterschiedlichen Stämme und Völker des Hl. Römischen Reiches deutscher Nation durch einen gemeinsamen Kultgesang zusammenzubinden. Aus ihm heraus entwickelte sich durch Kommentierungen, klangliche und textliche Erweiterungen die abendländische Mehrstimmigkeit, die auf der ganzen Welt einmalig ist. Musikalische Kompositionen gründen bis ins 15. Jahrhundert auf einem Choralfundament, erst die Renaissance löst sich aus dieser Tradition. 

Gesaenge der Stille

Aber auch danach haben sich immer wieder Komponisten an ihm orientiert und aus seinen Quellen geschöpft, Olivier Messiaen hat aus dem Geist des Chorals seinen modernen Musikstil entwickelt. So ist der Gregorianische Choral zunächst Keimzelle und Urgrund der europäischen Musikgeschichte und Zeugnis eines vielfältigen abendländischen Geisteslebens. Aber das Geheimnis liegt – wie bei allen schönen Dingen – tiefer.

Mitten in den ästhetischen Beliebigkeiten unserer Tage ist ein investigativer Sinn für Kostbarkeiten, für Stimmigkeit in der Vergangenheit aufgekommen, ein geradezu anamnetischer Sinn. Zu seinen überraschenden Fundstücken zählt auch der Gregorianische Choral, der musikalische und geistliche Schatz der römischen Liturgie des frühen und hohen Mittelalters. In der liturgischen Praxis des christlichen Kultes, der ihn hervorgebracht hat, stellt er heute ein Randphänomen dar, die Ausnahme bilden einige Klöster, in denen er nach wie vor den geistlichen und kultischen Mittelpunkt der Gemeinschaft mitträgt. Tatsache ist aber, daß seit einiger Zeit viele Menschen auch außerhalb kirchlicher Strukturen wieder Geschmack an dieser Musik finden, die nach einem schöpferischen Ausdruck für Stille und Kontemplation suchen, sie werden fündig bei einem Gesang, der 1.400 Jahre alt ist und dennoch eine unerhörte Frische bewahrt hat.

Geistliche Bedeutung.
Bei dem Versuch, der geistlichen Bedeutung des Chorals näherzukommen, spielt die Tatsache eine zentrale Rolle, daß er aus dem Hören entstanden ist und in den Anfängen nicht durch das Ablesen von Noten praktiziert wurde. Das Ohr als Beziehungsorgan steht bei der Entstehung und beim Vollzug des Gesanges im Vordergrund. Es geht um das Hören, ja um die Übung des Hörens auf das Wort, auf jenes schöpferische, kraftvolle und Leben spendende Wort der Bibel, das auch für einen Johann Sebastian Bach Ausgangspunkt und Ziel für seine heute überall in höchstem Ansehen stehenden Kantaten und Oratorien war. Wir wissen heute durch vielfältige und weitreichende Forschungen, wie sehr das Ohr zentrale Bedeutung hat bei allem, was mit Kommunikation, mit Beziehung, mit hochkomplexer Sprache, ja, mit Leben zu tun hat. Schon beim Embryo ist es am 22. Tage so ausgebildet, daß es Kontakt zur Mutter aufnehmen kann, eine Beziehung, auf die es nicht verzichten kann, ohne Schaden zu erleiden.

CD Porta Caeli

Aus dieser in geistlicher Weise auf den Schöpfer bezogenen Beziehung entstehen durch Übung im Hören, Horchen (das meint Meditation) die Gesänge des Chorals. Auf der Suche nach dieser Tiefendimension des Wortes ist eine Haltung angezeigt, die die Sinne nach innen hin öffnet, weg von der Oberfläche hin zum Wesentlichen. Wenn der Blick dann wieder nach außen geht, ist er ein anderer, weil er vorher den Weg nach innen gefunden hat. Diese Übung wird Mystik genannt, von gr. myein, d.h. schließen, verschweigen, nach innen sehen. Die Sängerkomponisten gaben diesem Wort, in dem sie zu wohnen versuchten, dann eine unverwechselbare klangliche Gestalt, es in seinem Ort in der Satzstellung zu beheimaten und in seiner Bedeutung aufzuschließen.

Ein französischer Choralist hat es so gesagt: „Les mots, qui ont fleuri en musique“: die Worte, die in Musik haben erblühen dürfen. Das Sprechen genügte nicht, der musikalische Klang war notwendig für das Wort, das die eigenen Gedanken übersteigt und deshalb auch in einem anderen Medium als der Sprache auszusagen ist. In seiner aus der Ehrfurcht vor diesem Wort erwachsenden Form und mit den aus ihm gewonnenen einstimmigen Melodien kann für den heutigen Hörer eine Kraft ausgehen, die guttut, die Ruhe in der Hektik schenken kann und dem Wort wieder die Qualität zurückgeben kann, die in der Fülle der Worte verloren zu gehen droht.

Inclina aurem cordis

Der Hörer kann sich von einer Musik ergreifen lassen, die selber Ausfluß einer Ergriffenheit vom dem ist, was den Sänger unbedingt angeht. Darüber hinaus kann er einen Sinn für das Echte und Ureigene und ein Gespür wiedergewinnen für das, was einen wirklich erfüllt und bereichert. Wer mit diesen Gesängen des Chorals unvoreingenommen an die Schätze der Tradition herangeht, kann darin eine Quelle von Kraft und Schönheit entdecken. Das ist der Atem, der die Musik trägt, nicht der Atem von Funktion und Zweck. Die bezwingende Art, wie so etwas uns ansprechen kann, läßt erkennen, daß die Wahrheit der Musik etwas mit der Tiefe unseres Seins zu tun hat. Die Schöpfer des Gregorianischen Chorals wußten, daß Musik nicht irgendeine Seite ist, die es im Leben unter anderen auch gibt.

Sie waren der Überzeugung, dass die Musik das Leben selbst betrifft. Sie achteten das Hören noch vor dem Sehen, weil sie wußten, daß es zu einer zunehmend sich vertiefenden Wahrnehmung des wahren Wesens der Wirklichkeit führt. Es ist eine Wahrnehmung, die ihnen half zu leben, weil sie ihnen Dimensionen aufschloß, die mit dem Sinn unseres Daseins zu tun haben. Wenn wir diese Musik hören, die aus diesem Verständnis heraus entstand, dann bewegt uns nicht irgendein Selbstgefühl, dann bewegt uns die Wirklichkeit, die da zum Klingen kommt, und die ist von einer anderen Welt. Bei aller artifiziellen Konsequenz liegt also das Geheimnis in ganz einfachen Dingen: in der rückhaltlosen Offenheit dem Heiligen Wort gegenüber, in einer radikal einstimmigen Melodie und im Zusammenklang vieler menschlicher Stimmen zu einer einzigen.

Neumen im Gregorianischen Choral

Von Neumen und Noten.

Olivier Messiaen sagt: „Das Herrliche an der Gregorianik sind ihre Neumen.“ Neumen sind in den Handschriften des 10./11. Jhs. Zeichen im offenen Feld über dem Text, ohne Linien.

Zunächst sind diese Zeichen recht befremdlich, weil sie so gar nicht unseren Vorstellungen von Notation entsprechen:

Notenlinien, Notenpunkte, Notenwerte, Taktstriche.

Ein Meßgesang mit Quadratnotation auf vier Linien, über dem Text die Neumen.

Daß wir dies alles in den frühen Handschriften nicht finden, ist Beweis dafür, daß die Melodie den Sängern bekannt war, sie die Gesänge auswendig sangen, „par coeur“. Um so wichtiger war aber für die Interpretation die Beachtung dieser höchst differenzierten, mit subtiler Sorgfalt und liebevoller Hingabe gesetzten Zeichen, die wir heute als umfassende Rhetorik des Wortes verstehen können. Man kann sie auch als Dirigierbewegungen des Chorleiters deuten, der mit Hilfe dieser Zeichen die internen Bewegungen des Melodieverlaufes für die Sänger vergegenwärtigen konnte. Das Wissen um diese Zeichen und deren genaue Beachtung bei der Interpretation heute führt beim Hörer zur Wahrnehmung der fließenden, schwingenden, ja, oft schwebenden und ruhigen und beruhigenden Melodielinie, die von keinem Taktschlag getroffen wird.

Das so gesungene Wort vermag dem Hörer auch einen Zugang zu Erkenntnisbereichen zu ermöglichen. die ihm nicht nur die Wahrheit, sondern die Schönheit aufstrahlen lassen. Erst in späteren Handschriften, als die Melodien des Chorals in Vergessenheit zu geraten drohten und die Konkurrenz der Mehrstimmigkeit ihm arg zusetzte, wurde auch für die Melodien eine Notation notwendig, die mit Zeilen und Punkten den genauen Tonhöhenverlauf zeigt. Da er wegen seiner Bindung an die menschliche Stimme nur selten einen größeren Umfang als in einer Oktave kennt, kann sich seine Notation mit vier Zeilen begnügen. Diese viereckige „Quadratnotation“ wirkt rein äußerlich etwas schwerfällig. Das zeigte sich auch nach und nach im Gesang: er wurde ebenfalls schwerfälliger, Spannung und Elastizität schwanden. Um heute aber einen Choral zu singen, der der damaligen Interpretation am nächsten kommt und größtmögliche Authentizität, ja, ursprüngliche Frische beanspruchen kann, ist eine Befolgung der Hinweise durch die Neumenzeichen unerläßlich.

 

Frater Gregor Baumhof OSB Leiter des Hauses für Gregorianik, München
www.gregorianik.org