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Gemeinfreies Obst und Landschaftspflege

Legespiel Herr Jacob

Auf jeder Wanderung im Spätsommer und Herbst gibt es solche Momente: Von fern her leuchten verlockend die reifen Äpfel oder Birnen vom herrenlosen Baum. Wer da zugreift, kann sich zuweilen des Gefühls nicht erwehren, dabei nicht ganz rechtskonform vorgegangen zu sein. Und doch ist es besser, sich für den augenblicklichen Bedarf beherzt am frei herumstehen den Nahrungsangebot zu bedienen, von dem anzunehmen ist, daß es niemandem gehört.

Genau da wird die Sache aber ein bißchen knifflig. Seit einiger Zeit gibt es die Initiative Mundraub.org, die sich die Aufgabe gestellt hat, eine maßvolle Nutzung solcher Bäume zu propagieren, deren Früchte andernfalls (zur alleinigen Freude der lokalen Vogel- und Insektenfauna) sämtlich als Fallobst verlorengingen.

Auf der gleichnamigen Internetseite gibt es eine interaktive Deutschlandkarte, auf der die einen eintragen können, was gemeinfrei (oder privat und für andere freigegeben ist), während die anderen verläßliche Informationen finden, wo man zugreifen darf. Es geht dabei also nicht darum, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen, das ja im Zweifelsfall auch daran erkennbar ist, daß Bäume gepflegt und Wiesen gemäht sind. 

Legespiel Herr Jacob Legespiel Herr Jacob Legespiel Herr Jacob

Vielmehr wird hier eine Grundhaltung des regionalen Konsums beworben – und zugleich eine Wertschätzung dessen vermittelt, was alte Kulturlandschaften Jahr für Jahr hervorzubringen vermögen. Dieses Interesse soll wiederum auf den Schutz und Erhalt der Bäume, Alleen und Landschaften zurückwirken, denn wenn darüber nachgedacht wird, wer sich um einen Baum kümmert, dann wird er auch nicht so schnell abgeholzt.

Es soll also Hand in Hand gehen: Als Wanderer oder Spaziergänger darf man sich reinen Gewissens von dem ernähren, was die Natur hergibt. Solcherart gestärkt, entdeckt man seine Umgebung neu, nimmt womöglich das ganze Bild in den Blick und findet bald eine Möglichkeit, wie man sich selbst für seinen Erhalt einsetzen kann.

Inzwischen haben die ersten Gemeinden und Tourismusverbände gemerkt, daß sich das Vorhandene auch für ihre Belange nutzen läßt. So entstand im niedersächsischen Hasetal, dessen Kulturlandschaft jahrhundertelang von öffentlichen Obstbaumalleen geprägt war, die erste deutsche Mundraubregion. Dort werden jetzt geführte Mundräuber-Radtouren angeboten, und nicht nur das: Die Bürger der 16 Gemeinden des Hasetals, der örtliche Tourismusverband und Mundraub.org entwickeln derzeit Modelle für die nachhaltige Nutzung und Pflege all jener Obstbäume, die Mitte der 1990er Jahre längs des Radfernweges „Hase-Ems-Tour“ zur freien Verfügung für Anwohner und Touristen gepflanzt worden sind.

Das nachahmenswerte Pilotprojekt, das Baumpatenschaften mit touristischer Wertschöpfung kombiniert, wird durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) unter – stützt und gefördert. Tatsächlich geht das Thema also weit über den einen Apfel hinaus, den man sich unterwegs irgendwo vom Baum pflückt: Es geht um ein neues Verhältnis zur uns umgebenden Landschaft und um ein tätiges Interesse an ihr. Vergessene Alleen mit Obstbäumen und aufgelassene Gärten, aber auch Neupflanzungen, die dieses Erbe lebendig halten, werden dabei zu Wegmarken agrikultureller Landschaftsprägung, die nicht nur als Relikte früherer Nutzung anzusehen sind, sondern ganz unmittelbar, bodenständig kulinarisch etwas zu sagen haben.


Die Bildergeschichte ist dem Legespiel „Der kleine Herr Jakob“ entnommen.