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Der Fernsprecher als Erzähler: das W 48

Neil MacGregor, langjähriger Direktor des British Museum in London, hat vor drei Jahren ein überaus erfolgreiches Buch veröffentlicht: „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“. In diesem über 800 Seiten starken Band erzählt er die Weltgeschichte in 100 Kapiteln, wobei jedes davon allein von einem einzigen Exponat seines Hauses ausgeht – einer Mumie, einem Faustkeil, einer Skulptur, aber auch einer Banknote aus der chinesischen Ming-Dynastie, einem viktorianischen Teegeschirr und einem Porzellanteller, dessen Revolutionsdekor an die Ereignisse im Jahr 1917 erinnert. Das Konzept geht auf, denn ein jedes dieser 100 Objekte repräsentiert weit mehr als bloß sich selbst. Es steht jeweils für einen Alltag, für die religiösen oder profanen Vorstellungen seiner Zeit und erzählt daher nicht nur von sich, sondern auch von den Menschen, die die gezeigten Objekte einst entwickelten, davon, wie sie sie nutzten und warum sie sie am Ende womöglich verwarfen. Sie erzählen vom praktischen Leben und zeigen, wie sehr es sich bis in unsere Gegenwart hinein verändert hat.

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Verbindlich verbunden.

Ähnliches ließe sich ohne weiteres auch mit Objekten aus unseren Katalogen machen. Auch sie erzählen durch ihre bloße Existenz von einer Zeit, in der manches anders war. Unser Telefon W 48 etwa, dem seine mehr als 65jährige Geschichte ja schon im Namen eingeschrieben ist, ist so gesehen nicht nur einfach ein kabel- und damit standortgebundenes Telefon ohne smarte Technologien, es ist ein Fernsprecher alten Schlages, der das Telefongespräch noch zu einer praktisch ausschließlichen Tätigkeit machte (sieht man einmal vom Komödienklischee der gelangweilten Sekretärin ab, die sich, den Hörer zwischen Kopf und Schulter eingeklemmt, kunstvoll Finger- oder gar Fußnägel lackiert).

Fernsprechapparat W 48

Der Anrufer wußte, wo sein Gegenüber war – nämlich zu Hause oder am Büroschreibtisch. Und er wußte, was er gerade tat – nämlich telefonieren, und zwar ausschließlich mit dem Angerufenen. Und er wußte, daß der Angerufene nicht nur in der Lage, sondern eben auch willens und bereit war, mit ihm zu sprechen; ständige Erreichbarkeit wie in der mobil telefonierenden Welt war weder möglich, noch wurde sie erwartet. Das kann, wer will, als Geschichte von glücklicherweise längst überwundenen technischen Beschränkungen verstehen.

Mit demselben Recht kann man aber auch fest-
stellen, daß ein Telefongespräch mit dem W 48 notwendigerweise weitaus mehr einem persönlichen, konzentrierten Dialog von Angesicht zu Angesicht ähnelt, und das nicht nur, weil die Gesprächsteilnehmer am jeweiligen Ende einer in diesem Moment nur sie beide verbindenden Schnur sitzen. Und so fordert diese Art des Telefonierens dem Nutzer per se Verhaltensweisen ab, die – auch im Sinne der Höflichkeit – einmal aus gutem Grund selbstverständlich waren.

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Wie viele der musealen Objekte in Neil MacGregors Weltgeschichte steht also auch das W 48 in unserem Katalog nicht nur für einen bestimmten Stand der Technik, sondern auch für bestimmte gesellschaftliche Denk- und Verhaltensweisen. Das tun die heute üblichen Smartphones natürlich auch, und es sind ja gerade die erweiterten technischen Möglichkeiten, die zu erweiterten gesellschaftlichen und vor allem beruflichen Anforderungen geführt haben – permanente Erreichbarkeit und damit auch permanente Bereitschaft zum Telefongespräch wird heute praktisch vorausgesetzt. Die Entscheidung für ein Telefon wie das W 48 hat daher wenig mit Nostalgie zu tun. Es ist eher die Entscheidung für ein bestimmtes, dem Gerät als solchem vorgegebenes Verhalten beim Telefonieren. Pure Nostalgie zeigt sich dagegen bei vielen Smartphone-Accessoires: Da gibt es pseudoantike Telefongestelle, in die man sie hineinstellen kann, und historisierende Telefonhörer, die sich daran anschließen lassen.

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Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten (Neil MacGregor)

Mac Gregors Weltgeschichte endet mit zwei Objekten, die uns heute täglich umgeben: mit einer Kreditkarte und einer Solarleuchte. Auch das Smartphone – das British Museum sammelt mit Blick in die Zukunft – gehört sicherlich schon zum Museumsbestand.

Und einst wird es künftigen Besuchern von einer Zeit erzählen, die so ganz anders war als ihre eigene aktuelle Gegenwart. Neil MacGregor: Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. 816 Seiten. 24,6 x 18,4 cm, Festeinband. Verlag C. H. Beck 2013.