Dafür gibt’s bestimmt ’ne App – Mythos Hochtechnologie.

Hausnachrichten 2012 - Mythos HochtechnologieJede Zeit hat ihre eigenen Mythen. Der Mythos des 19. Jahrhunderts war der der technischen Machbarkeit, der des 20. der der perfekten Lösbarkeit eines jeden Problems durch eine (unter Umständen erst noch zu entwickelnde) Hochtechnologie. Heute, im beginnenden 21. Jahrhundert, vertrauen wir eher der technischen „Intelligenz“ eines „Smartphones“ als dem handgeschriebenen Adreßblock, lesen zunehmend unsere Bücher auf „E-Book-Readern“ statt vom Papier und legen das Funktionieren unserer Autos in die Hände von Computern, deren Rechenkapazität seinerzeit der NASA gereicht hätte, ihre Astronauten sicher auf den Mond zu bringen. Der Mythos des 19. Jahrhunderts liegt in Gestalt der Titanic seit ziemlich genau 100 Jahren in 3.800 Metern Tiefe begraben, der des 20. und beginnenden 21. hält sich – um im Bild zu bleiben – noch immer hartnäckig über Wasser. Dabei ist seit mindestens 40 Jahren klar, welche Gefahren der hochtechnisierte Alltag mit sich bringt: einen immer größeren Ressourcenverbrauch und einen schon jetzt ins Immense gesteigerten Energiehunger.

Im Netz: das „Low-Tech-Magazine“.
Zeit also, über „Low-Tech“ nachzudenken, so wie es Kris de Decker in seinem englischsprachigen Internetblog „Low-Tech-Magazine“ tut. De Decker spürt darin den „aussortierten“ Ideen der Technologiegeschichte nach, Verfahren und Konstruktionen, die aus dem Blick geraten sind. Das können etwa mechanische Vorrichtungen sein („The short history of pedal-powered machines“), lang bewährte Transportsysteme (chinesische Schubkarren, die von Menschen-, Tier- und sogar von Windkraft bewegt wurden) oder energieeffiziente Herstellungsverfahren (etwa ein Ziegelofen aus dem 19. Jahrhundert). De Deckers Ansinnen ist dabei kein museales; vielmehr drängt sich dem Leser der Rückgriff auf die dargestellten alten Techniken für die Gegenwart geradezu auf. So präsentiert der Blog unter vielem anderen eine historische Sammlung handbetriebener Bohrmaschinen, von denen wir so manche ohne weiteres in unserem Katalog aufnehmen könnten. Aber auch in der Großtechnik – etwa bei der Energieproduktion mittels Windrad als Abkömmling der Windmühle – finden sie ja heute wieder Anwendung.

Hausnachrichten 2012 - Mythos Hochtechnologie Zählen und Rechnen. Energieeffizienz.
Von naiver Romantik ist der Blog bei alldem weit entfernt. De Decker argumentiert als Ingenieur, für ihn zählt die tatsächliche Energiebilanz, die ein Gerät aufzuweisen hat – also neben dem Energieverbrauch im Betrieb auch der energetische Herstellungsaufwand. Das kann dann schon einmal für Überraschungen sorgen, wenn beispielsweise der Citroen 2CV von 1949 als wesentlich energieeffizienter beschrieben wird als jeder moderne Kleinwagen. Die „Ente“ ist ein Beispiel von vielen, an denen er klarmacht, wie häufig die werbewirksam angepriesenen Angaben zur Energieeffizienz den Herstellungsaufwand unterschlagen. Hier haben sich die Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten geradezu umgekehrt. Fiel der Energieaufwand bei der Herstellung einer „Ente“, auf den gesamten Produktzyklus berechnet, kaum ins Gewicht, so könnte man, rechnet de Decker vor, mit der zur Herstellung eines „hocheffizienten“ Laptopprozessors aufgewandten Energie das fertige Gerät über ein Jahr lang betreiben. Auch daran erkennt man: High-Tech im Alltag hat, gleichviel wie sparsam die Geräte im laufenden Verbrauch sind, eine wesentliche Voraussetzung, und zwar billige Energie. Und ihr ökologischer „Fußabdruck“ ist riesig (de Decker rechnet es in „The monster footprint of digital technology“ detailliert vor).

Die andere Seite: Ökomythen.
Wer nun aber glaubt, durch Hightech hervorgerufene oder doch zumindest forcierte Probleme ließen sich einfach mit weiterem Aufwand an Hightech lösen, sitzt damit schnell einem Irrglauben auf. Unter der Rubrik „ecomyths“ geht de Decker ihnen nach und errechnet beispielsweise, daß sich ein Windrad erst ab einer bestimmten Größe rechnen kann, daß ein Solarpanel in der Herstellung unter Umständen mehr CO2-Belastung hervorruft, als es im Betrieb je sparen können wird, und daß die heutigen Elektroautos kaum die Reichweite ihrer Vorläufer aus den 1920er Jahren erreichen. Selbst die umweltfreundliche Eisenbahn verliert ihren ökologischen Vorteil, wenn es um die in Europa und Japan so beliebten Hochgeschwindigkeitszüge geht. Die Antwort auf das Dilemma der Hochtechnologie ist daher in vielen Fällen: Low Tech. Das gilt für die Energieerzeugung wie für die -umsetzung (ausführlich widmet de Decker sich innovativen Fahrradmodellen, die mit reiner Muskelkraft ohne Probleme 40 km/h und mehr erreichen). Vor allem aber gilt es für das Einsparen von Energie. Dazu bedarf es keiner neuen Hochtechnologie – aber vielleicht eines Blickes in die technischen Archive und den Mut, sich ihre Schätze neu anzueignen. Was ganz in unserem Sinne ist, propagieren wir doch von jeher den intelligenten Nutzer anstelle des (vermeintlich) intelligenten Produkts – und dazu kann ein Blick zurück sehr hilfreich sein.

www.lowtechmagazine.com
(Dort können Sie auch einen in wohltuend zurückhaltender Frequenz erscheinenden englischsprachigen Newsletter abonnieren.)

Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer.

alle Preise inkl. MwSt.,
zzgl. Versandkosten

Ihr Merk-/ Wunschzettel

enthält kein Produkt.

Direkt bestellen
Papierkorb
Manufactum Warenhäuser

Besuchen Sie uns in unseren Warenhäusern.

Manufactum Kataloge

Kataloge bestellen oder als PDF herunterladen

Volltextsuche
Ihr Manufactum

Kundendaten / Bestellübersicht /
Wunschzettel etc.