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Bücherglück. The Bear Press in Bayreuth

Innenseiten Der Tod des Tizian 67304

„Ein Opus, das, wenn ich es eben hinwerfe, gleich einem neugebornen Bären noch größer ist als eine Ratze, leck ich mit der Zeit zu einem breiten Landbären auf.“

 

Zugegeben, ein merkwürdiges Zitat. Es stammt aus der Feder von Jean Paul, der das letzte Drittel seines Lebens in Bayreuth verbracht hat. Der Dichter greift hier ein altes Motiv auf, das davon spricht, die Kultur habe ähnliche Gestaltungskraft wie eine Bärin, die ihrem Jungen, so der Volksglaube, erst mit ihrer Zunge die Form geben müsse. Sucht man heute nach einem Bären in der Stadt Jean Pauls, dann wird man überraschenderweise fündig, und zwar ganz im Sinne des obigen Zitats.

Nicht auf der großen Bühne, sondern vergleichsweise versteckt und unscheinbar hat dort The Bear Press ihren Sitz, eine private Verlagsanstalt des Anglisten und Literaturwissenschaftlers Wolfram Benda. Noch zu Studienzeiten, vor 35 Jahren, kam Benda zu der Überzeugung, daß Ethos und Handwerk der Buchherstellung durch Industrialisierung und Beliebigkeit Schaden genommen haben, und so begann er, Bücher zu machen, die seiner Vorstellung eines buchkünstlerischen Gesamtkunstwerkes entsprechen – Parallelen zu dem anderen großen Wahl-Bayreuther, zu Richard Wagner, wären rein zufällig. Die Werke, die Benda verlegt, finden sich kaum auf den Beststellerlisten der Wochenjournale, noch viel weniger sind sie Gegenstand feuilletonistischer Debatten um neueste Versuche zeitgenössischer Autoren. Er wählt Klassisches aus, bereits Bewährtes, aus der Antike, aus dem Barock, der Goethe-Zeit und Romantik ebenso wie vorzugsweise aus den eigentümlichen Werken des beginnenden 20. Jahrhunderts. Letztere vor allem repräsentieren seine Vorliebe für das Geheimnisvolle, Rätselhafte, mitunter Dunkle zumal, wie wir es bei Oscar Wilde, Ernst Jünger oder E. T. A. Hoffmann finden, aber auch im „Urfaust“ oder bei Lucian. Fremdsprachige Texte übersetzt er grundsätzlich neu. Benda bringt ein Verleger-Selbstbewußtsein ins Spiel, ohne das höchstrangige Buch-Macherei unmöglich wäre, nämlich sein ureigenes Interesse und Engagement an Text, Gestaltung und an der Auswahl derjenigen Künstler, die er für die graphische Ausstattung seiner Werke gewinnt.

Sein Ziel ist es, Werk für Werk Unverwechselbares, Nichtaustauschbares zu schaffen. Sei es bei der Auswahl des kostbaren Papiers, das so über die Rolle als Trägerstoff des Textes hinaus Valenz gewinnt, sei es hinsichtlich der Schriftauswahl, für die nur Handsatz in Blei in Frage kommt, sei es endlich die Illustration. Letztere läßt Bendas Ausgaben zu wahrhaften Schatzkammern druckgraphischer Kultur werden, denn er verpflichtet jeweils ausschließlich Künstler, die ein wirkliches inneres Anliegen mit Text und Autor des zu gestaltenden Werks verbindet. Die Techniken sind erlesen, und wo uns heute eine Bilderflut überrollt und zugleich langweilt, ist das Auffinden der wenigen, aber um so ausdrucksstärkeren Originalgrafiken der Bear Press jedesmal ein unerhörtes ästhetisches Fest. Wenn es nur darum geht, dem Kunstwerk Buch größtmögliche Ausdruckskraft zu geben, scheut Benda weder Anstrengungen noch Kosten: In seinen Büchern finden sich Kupferstiche, Radierungen (zum Teil handkoloriert), Lithographien, Holzschnitte, ja sogar, in Mikroauflagen, Aquarelle. Faszinierend, wie zum Beispiel der „Urfaust“ durch Typographie und die treffsicher gesetzten Illustrationen von Eberhard Schlotter eine Unmittelbarkeit gewinnt, welche die Bühne beinahe übertrifft.

Nicht weniger Wert wird auf höchstwertige, unverwechselbare Einbandgestaltung gelegt. Kompromißloser Wille zur Form und zur handwerklichen Qualität geben dem jeweiligen Text legitime, synästhetisch erlebbare Gestalt. Daß nur wenige Werke auf diese Weise ans Licht kommen – zumeist nur eines im Jahr –, versteht sich von selbst. Wolfram Benda nennt, nach seiner Triebfeder befragt, Liebe, Enthusiasmus und Begeisterung. Und er zitiert Goethe, für den Sammler die glücklicheren Menschen sind. Vielleicht, weil sie im Blick auf das begehrte Objekt sich selbst zu finden hoffen?

Unsere Auswahl von Werken aus der Bear Press finden Sie oben auf dieser Seite, das Gesamtprogramm unter der folgenden Website The Bear Press.