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Baufälligkeit als Chance. Die Abtei St. Sixtus in Westvleteren

Moench Westvleteren
Mönch im neugebauten Kreuzgang der belgischen Trappistenabtei Westvleteren.

Auf dem Zeitstrahl der Geschichte könnte uns Klosterleben erscheinen wie ein breit und gemächlich dahinfließender Strom, auf dessen sanften Wellen Boote und Schiffe bequem und ohne Hindernisse dahinfahren. Und doch, wenn auch in größerem Abstand, gibt es Stromschnellen, ja Wasserfälle zu meistern, in der Zuversicht, sich anschließend noch im selben Wasser, aber erfrischt und auf einer anderen Ebene zu befinden. Vielleicht ist dieser Vergleich ein wenig zu romantisch, doch wenn wir ehrlich sind, dann ist es gerade die Faszination des ewig Gleichen, Beständigen, Überlieferten, die uns anzieht, wenn das Bild des Klosters und der Menschen, die darin leben, vor uns auftaucht. Vielleicht haben wir eben „in der Welt“ mitunter zu viele Stromschnellen und Wasserfälle. Im Kloster gibt es dagegen größere Kontinuität, und die hat gewichtige Gründe: der gemeinsame Glaube, die Ordensregel, die lokale Überlieferung und schließlich auch das Beispiel der Älteren, die oftmals fraglos das lebten, was sich ein Novize erst mühsam erarbeiten muß.

Nun gibt es zu unserem Bild noch eine Korrektur, wenn wir es auf das Kloster anwenden möchten: Ein Kloster ist kein Schiff, sondern ein festgefügtes Bauwerk, oftmals trutzig wie eine Burg, und es signalisiert schon
auf diese Weise sprichwörtliche Beständigkeit. Der Strom des Lebens in ihm ist dann eher die gerade beschriebene Kontinuität. Doch Kontinuität kann allzu leicht ins Klischee abgleiten, falls man der Meinung ist, Leben müsse gleich einem Gebäude stets gleichbleiben. Nicht von ungefähr hat ja bereits der hl. Benedikt in seiner Regel geschrieben, man solle auch den jüngsten Mönch um Rat fragen.

Die geistliche Großwetterlage ändert sich.

In der belgischen Trappistenabtei Sint Sixtus in Westvleteren haben die Mönche vor einiger Zeit darüber nachgedacht, daß sich mit dem Leben auch ihr Gebäude ändern müsse. Konkret hatten sie an zwei Dingen Unbehagen, die Generationen von Mönchen als unaufgebbares Zeichen besonderer Askese betrachtet haben: an der Kälte im Gebäude und an dem gemeinsamen Schlafsaal. Angesichts der Tatsache, daß ein eigenes Zimmer für einen jungen Menschen heute eine Selbstverständlichkeit darstellt (und das war vor hundert Jahren noch durchaus anders), kamen die Mönche immer mehr zu der Einsicht, daß es gut wäre, dem berechtigten Wunsch Rechnung zu tragen nach etwas mehr Privatsphäre oder besser gesagt, persönlicher Zurückgezogenheit.

Wir haben uns darüber mit Bruder Christiaan Keller unterhalten, der das damalige Nachdenken und den Entscheidungsprozeß so beschreibt: „Vor sieben Jahren hat eine Gruppe unserer jüngeren tragenden Mönche festgestellt, daß sich an der geistlichen Großwetterlage etwas verändert hat.  Wir haben darüber nachgedacht, wie die Individualisierung in unserer Gesellschaft bei uns ins Kloster einspielt, und welche Chancen für uns als Mönche daraus erwachsen.“ Gleichwohl betont er, daß die Idee einzelner Zellen schon bei den Wüstenvätern bestanden habe, und auch der Gründer der Trappisten, Abbé de Rancé, habe darüber nachgedacht, zu dieser altklösterlichen Tradition zurückzukehren.

Die Mönche mußten jedoch schnell erkennen, daß es mit einem einfachen Umbau nicht getan war: „Als wir Einzelzimmer bauen lassen wollten, haben uns zwei Dinge aufgeschreckt: Wir hatten erstens nicht genug Platz, um Zellen für alle Mönche zu bauen, und zweitens ließen die tragenden Mauern des Gebäudes einen solchen Umbau nicht mehr zu. Das Haus stand in der Gefahr, baufällig zu werden, und deshalb mußte neu gebaut werden.“ Ein Neubau indes ist gerade zur Zeit, da die Konvente schrumpfen und Nachwuchs schon lange auf sich warten läßt, ein beinahe unvernünftiges Wagnis. So kam den Mönchen die Baufälligkeit als Argument zur Hilfe, einen klaren Schnitt zu machen und die ohnehin nicht sehr hochwertigen Wohngebäude aus den fünfziger Jahren komplett aufzugeben. „Am Anfang denkt man, man hat selber geplant, und dann merkt man, daß ein anderer mitplant“, so Bruder Christiaan.

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Moench Abtei Westvleteren

Mit kindlicher Neugier.

Nun gingen die Mönche entschieden an die Planungen, und sie fanden nach nicht langem Suchen in dem flämischen Architekten Bob Van Reeth einen Baumeister, der nicht nur auf eine lange Erfahrung mit bedeutenden Projekten zurückblicken kann, sondern auch die Landschaft Westflanderns versteht. Van Reeth hatte eigentlich immer davon geträumt, einmal eine Kirche oder ein Kloster zu bauen, obwohl er selbst nicht gläubig ist. Heute, nachdem die Mönche bereits ein Jahr im neuen Gebäude leben,
ist Bruder Christiaan noch überzeugter, wenn er sagt: „Bob Van Reeth kann gut zuhören, hat sich mit kindlicher Neugier auf
das Projekt eingelassen und genau verstanden, was wir wollten.

Etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren. Er hat sich als Instrument in unserer Hand gesehen.“
Vor allem forderte Van Reeth die Mönche souverän auf, selbst zu definieren, wie und worin sie leben möchten. Die Mönche nahmen den Ball auf, den er ihnen zuspielte, und zwar umso vertrauensvoller, nachdem Van Reeth sie darauf hingewiesen hatte, die Kirche in den Mittelpunkt der neuen Planung zu stellen.

In vielen Gesprächen fanden die Mönche schließlich zu fünf Leitworten, die im neuen Gebäude zum Ausdruck kommen sollten: Einfachheit und Verinnerlichung, Nachhaltigkeit und Zeitlosigkeit und als überall gültiges Prinzip eine liebenswerte Gestaltung. Erklärt sich das erste Begriffspaar aus der alten Zisterziensertradition, alles, auch in der äußeren Form, beiseite zu lassen, was ablenkt vom Wort Gottes, so ist das zweite Begriffspaar ein Hinweis auf die praktische Zukunftsfähigkeit des neuen Klosters. Und was die liebenswerte Gestaltung angeht, so gibt Bruder Christiaan eine ganz persönliche Erklärung: Für ihn muß das Klosterleben wie in einer Liebesbeziehung leben von einer Verzauberung: „Ich lebe immer noch von dieser Verzauberung, sie ist ein innerer Brunnen, der stetig quillt.“

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Ein Jahr wie hundert Jahre.

Bob Van Reeth hat alle diese Leitworte umgesetzt in einem zeitgenössischen Bau von starker Klarheit in Form und Material. Vor allem hat er den Gebäuden Ruhe und Gleichmaß gegeben, denn alle Räume beziehen sich auf dasselbe Grundmaß von 2,70 m. Die Zellen sind keine Privatzimmer und doch eben genau jene zisterziensische Weiterentwicklung des Schlafsaals, die sich alle gewünscht haben. Der Kreuzgang ist nach innen zur Gänze verglast und ermöglicht den Mönchen eine schweigende Kommunikation, denn nun sieht man sich häufiger, wenn auch scheinbar nur beiläufig. Überhaupt haben schon die Planungsgespräche zu mehr Kommunikation beigetragen, ohne das trappistische Schweigen aufgeben zu müssen.

„Ganz neu ist ein Gemeinschaftsraum. Traditionell sind wir Trappisten immer viel zusammen, aber es gab keinen Raum, der für Gespräche in der Gruppe bestimmt war. Zwar wird in unserem neuen Raum nicht ständig gesprochen, aber zu Kommunitätsgesprächen, runden Geburtstagen oder Hochfesten können wir
dort gemeinsam sitzen und feiern. Wir bleiben dem Trappistenleben treu, aber eben deshalb nehmen wir
die Phasen der Kommunikation wesentlich intensiver wahr“, zeigt sich Bruder Christiaan begeistert.

Die Mönche haben sich wenig Gedanken darum gemacht, ob nun mehr Novizen kommen. „Das hängt allein davon ab, ob wir authentisch leben. Im neuen Gebäude können wir das.“ Bob Van Reeth hat dem Kloster eine Standzeit von mindestens vierhundert Jahren vorhergesagt. Die Mönche haben sich nach dem ersten Jahr schon so gut eingelebt, daß keiner mehr zurückwill in das alte Kloster, ja, kaum einer mehr daran denkt, daß es einmal anders war. Die Finanzierung ist auch gelungen, dank mancher Sonderschichten der Mönche in der Brauerei, wo sie nach amerikanischer Meinung das beste Bier der Welt brauen. Nun ist damit Schluß, das Gebäude ist bezahlt. Die Mönche sind wieder in ruhigem Gewässer, aber nicht beruhigt, sondern begeistert.


Martin Erdmann und Xaver Oehmen

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