
Im Editorial der » Hausnachrichten vom Mai dieses Jahres haben wir geschrieben, die derzeitige Krise könne dazu führen, daß „wieder echte Solidarität und Subsidiarität, aber auch Autarkie und Wehrhaftigkeit entwickelt werden“. Das letzte Begriffspaar wollen wir hier noch einmal aufgreifen, um unseren Standpunkt zu verdeutlichen (und nicht, weil es zu offensichtlichen Mißverständnissen führen kann – nicht nur Bücher, sondern auch Wörter haben ihre Schicksale).
Der durch die Philosophiegeschichte mäandernde Begriff der Autarkie – als makroökonomischer Begriff radikalisiert – wurde vor allem im 20. Jahrhundert übel mißbraucht und folgerichtig heftig angegangen.
Es schwingt mit die Erinnerung an dumpfes Denken, an Muckefuck als Kaffee-Ersatz und an Konzepte des in sich geschlossenen, „national gestalteten Wirtschaftsraums“. Ein kurzer Blick auf Nordkorea, die einzige radikale Autarkie praktizierende Wirtschaft der Gegenwart, reicht aus, um die verheerenden Folgen dieser ideologischen Verblendung zu begreifen. Als wirtschaftlicher Begriff ist Autarkie also belastet, wer ihm nachspürt, bewegt sich schnell auf vermintem Gelände.
Dabei ist es jedoch hier wie überall: Erst extreme Verzerrung macht das Gesicht zur Fratze. Im gleichen Sinne: Geht es um die radikale Autarkie des Einzelnen, so wäre sie bestenfalls als Neuauflage der Inflationsheiligen der Zwanziger Jahre zu verstehen, die inmitten selbstgezogenen Gemüses lustvolle Askese predigten. Die Extreme sind mithin lächerlich und taugen nichts.
Die Neuentdeckung der Mündigkeit.
Doch es lohnt sich zu fragen, was Begriff und Idee der Autarkie als Gegenentwurf zu einem uneingeschränkt agierenden Wirtschaftsliberalismus heute taugen. Aus dessen Perspektive ist Autarkie ja geradezu ein Skandal und wird augenblicklich mit dem Schreckgespenst des Isolationismus in Verbindung gebracht.
Das aber geht am Kern der Sache vorbei, denn Autarkie meint zweierlei: Selbstversorgung, vor allem aber Selbstbestimmung. Es geht also weniger um ökonomische Abschottung als vielmehr um Entscheidungs-
freiheit. Autark ist jemand, der die ihn angehenden Dinge selbst entscheiden kann, und wenn der Begriff heute auch ökonomisch wieder an Bedeutung gewinnt, dann hat das in erster Linie damit zu tun, das die in weltweiter Verflechtung operierende Wirtschaft in manchen Punkten Züge einer Entmündigungsmaschinerie angenommen hat.
Soziale Systeme.
Dieser Kontrollverlust wird im Bereich ehemals kommunaler und staatlicher Dienstleistungen besonders deutlich. Die Liberalisierungs- und Privatisierungseuphorie vergangener Jahre ist hier längst verflogen und an die Stelle großer Versprechungen sind zahlreiche meßbare Mißerfolge getreten. An die Stelle staatsmonopolitischer Akteure sind private Monopolisten oder Oligopole getreten.
Die dabei entstandenen Kollateralschäden fielen auf das gemeinschaftlich organisierte Sozialsystem zurück. Kommunale Dienste brachten es zu den bizarrsten Erscheinungen, wenn etwa städtischer Besitz im Rahmen eines „Cross-Border-Leasing“ ver- und gleichzeitig langfristig zurückgemietet wurde – was derzeit vielen Städten heftig auf die Füße fällt. Aber die kommunale Ebene war es auch, auf der sich erster Widerstand organisierte.
In etlichen Gemeinden lösten Pläne, die örtlichen Stadtwerke zu verkaufen, Bürgerbegehren aus. Die Überzeugung vieler Bürger, daß die „Daseinsfürsorge“ gemeinschaftlich organisiert werden sollte, verhinderte den Verkauf in zahlreichen Fällen und sagt nichts anderes aus, als daß das Konzept der Selbstversorgung für eine beachtenswerte Mehrheit alles andere als überholt ist. Längst beschränkt man sich dabei nicht mehr auf Verhinderung, Rückeroberung ist erklärtes Ziel etwa der Initiative „Energie in Bürgerhand“ in Freiburg; den „Stromrebellen“ von Schönau ist sie bereits gelungen. Wesentliche Teile von Produktion und Dienstleistung, so die Kernaussage solcher Abstimmungen und Initiativen, sollten dem Zugriff privater und/oder globaler Großakteure entzogen und kontrollierbar bleiben – und eben das bezeugt nichts anderes als ein Beharren auf autarkem, selbstbestimmtem Handeln.
Unabhängigkeit statt Selbstbeschränkung.
Im privaten Bereich sind derlei Rückeroberungsstrategien schon lange etabliert. Der zunehmende Erfolg von quelloffener Software ist ein gutes Beispiel, und dies aus zwei Gründen. Erstens, weil hier konkrete Selbstversorgung (sprich: Quelltext zu programmieren) mangels Fähigkeit nur eine Minderheit betreffen dürfte. Und zweitens, weil es gerade in diesem Bereich nicht allein ökonomische Gründe sind, die als Motivation herhalten müssen.
Kaum ein Nutzer begründet seine Präferenz mit überteuerten Softwarepreisen. Weitaus wichtiger, ja in den meisten Fällen das einzige Ziel ist Unabhängigkeit – und die ist bei quelloffener Software in vielen Bereichen schon so weit erreicht, daß von einer Selbstbeschränkung, wie sie im Begriff der Autarkie immer mitschwingt, kaum mehr die Rede sein kann. Ein anderes, im Wortsinne bodennahes Beispiel: Wer sich ernsthaft mit dem heutigen Zustand der Lebensmittelindustrie beschäftigt hat, wird sich kaum wundern, daß derzeit nicht nur die Hofläden, sondern auch die vorstädtischen Schrebergärten enorme Konjunktur haben.
Anders als in der Nachkriegszeit, als einige Quadratmeter guten Bodens existenzsichernd sein konnten, treten die neuen Gärtner dabei keinem Mangel entgegen. Die Supermarktregale liegen voll, und nie waren Lebensmittel so billig wie heute. Es geht also auch hier eher darum, in Fragen des Lebensnotwendigen die Kontrolle zumindest partiell zurückzuerlangen.
Produktiver Rückschritt.
Die Beispiele mögen gesamtwirtschaftlich Petitessen sein, ja geradezu Anekdotencharakter haben. Sie zeigen dennoch: Die Wiederentdeckung des Autarkiebegriffs hat weder mit den historischen Mustern einer abgeschotteten Wirtschaft noch mit fröhlichnaiver Kommunenromantik zu tun. Es geht vielmehr darum, Dinge, in denen man sich einer fragwürdigen ökonomischen Radikalität ausgeliefert hat, wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und gerade deshalb wundert es uns auch nicht, daß nach Jahrzehnten systematischer Auslagerung des produzierenden Gewerbes in Billiglohnländer schon von einer Renaissance der Manufakturen die Rede ist. Sie stellen sich einem aus weltweiten Quellen gespeisten Überfluß und vertrauen dennoch auf Geschäftserfolg: Die Zahl derer, die bei ihren Konsumentscheidungen auf nahe und nachvollziehbare Ressourcen zurückgreifen, wächst – wir finden, aus gutem Grunde und zu Recht.
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